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Dieses Thema hat 3 Antworten
und wurde 1.003 mal aufgerufen
 Kitsch in der Literatur
Leselust Offline



Beiträge: 2.098

20.06.2006 13:12
RE: Kitsch und Unterdrückung antworten

Und sie legte ihr Köpfchen an die breite Schulter des geliebten Mannes, um endlich, endlich an seiner Seite alle Schmerzen der Welt zu vergessen...
So oder ähnlich hören übergenug Erzählungen auf, und damit fange ich eine öffentliche Untersuchung des Themas an. Der Kitsch ist keine fest umrissene, klar definierbare Gattung; es ist sehr subjektiv, was als Kitsch empfunden wird. Schlimm-komische Blüten des Kitsch trieb vor allem das 19. Jh. und die erste Hälfte des 20. Jhs. Aber nicht nur lächerlich ist Kitsch, sondern oft auch unterdrückerisch und aggressiv. Bereits die Sucht, alle weiblichen Körperteile zu verkleinern - die Heldin hat nur Händchen, Füßchen, ein Köpfchen mit Äuglein, einem Näschen und Löckchen - deutet auf Tendenzen der Unterdrückung: das Weibchen ist schutzbedürftig, der Mann groß und stark. Daß mit der tatsächlichen muskulären Unterlegenheit eine angebliche geistige einhergeht, versteht sich von selbst - der Ausdruck "das schwache Geschlecht" ist m.E. vor der Romantik nicht nachweisbar.
Ähnlich simpel gestrickt sind Vorurteile über Völker - der Franzose ist leichtlebig, der Italiener lebensfroh und kunstsinnig, der Deutsche pflichtbewußt und treu, der Indianer edel, der Inder weise, der Jude geldgierig, der "Neger" einfach gestrickt und abergläubisch... und so weiter. Vorurteile können auch positiv klingen wie der Topos vom "edlen Wilden", das ändert an ihrem geringen Wahrheitsgehalt nichts und auch nicht an der latenten Gewaltbereitschaft des Vorurteils: irgend eine Gruppe (sehr oft Juden und Frauen) kommt immer am schlechtesten weg. Gefährlich wird Kitsch dann, wenn mit einfachen, hoch suggestiven Bildern Öffentlichkeitsarbeit betrieben wird - mit Kinderbüchern, Plakaten, populären Schriften, aber auch mit pseudowissenschaftlichen Aussagen. Kitsch ist nicht nur eine komische Entgleisung - er ist oft brandgefährlich.

Gemini Offline




Beiträge: 11.569

21.06.2006 10:29
#2 RE: Kitsch und Unterdrückung antworten

Mit solch analytischem Blick hatte ich noch nie auf Kitsch gesehen, eher hatte mein Schönheitsempfinden und Unterhaltungsbedarf sich an den einfachen Gestaltungen gestört. Vielen Dank für die Sensibilisierung

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

25.06.2006 13:46
#3 RE: Kitsch und Unterdrückung antworten

Kitsch ist geradezu Markenzeichen jeder Diktatur. Schaut Euch Bildnisse von Diktatoren an - ob Mao, Stalin, Hitler oder Atatürk: reinster Kitsch! Besonders erschreckend ist auch der Kitsch im Kinderbuch des Dutzendjährigen Reiches. In einem Buch über den Kitsch in der Nazizeit ist ein Bilderbuch auszugsweise abgedruckt mit Versen über niedliche kluge arische Kinder und häßliche böse gemeine jüdische Kinder. Unappetitlich und hoch suggestiv - nichts, was in Kinderhände gehört! Meine Mutter lernte in der Schule folgenden Vers: "Hände falten, Köpfchen senken und an unsern Führer denken, der uns alle herzlich liebt, unser täglich Brot uns gibt." Zum Glück haben ihre Eltern das zu Hause richtig gerückt - aber wie viele Eltern taten das nicht...

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

06.08.2007 00:28
#4 RE: Kitsch und Unterdrückung antworten

Im benachbarten Unterforum wird ein feines Stück Kitsch über einen Diktatoren vorgestellt. Das folgende Machwerk stammt von Erwin Guido Kolbenheyer:

Dank

Es lebt ein Dank, mein Führer, den die Jugend
Dir nicht zu bringen weiß und Deiner Großmut:
Dank reifer Herzen, denen deutsches Schicksal
Das eigne war in Spannung, Not und Sturz,
Die wägen lernten, nicht nur gläubig nehmen.

Aus schwülem Frieden peitschte sie der Krieg,
Und nach dem Opfer lagen sie gebunden
Und wissen, was es heißt, wenn Sattheit quälend,
Wenn Leiden schreiend, Schmach erstickend wird.
Mehr als Geschenk ist ihnen Deine Tat.
Denn Deine Tat rief den gelähmten Willen,
Und der Geweckte, wissentlich geballt
In klare Zucht, wuchs auf zur Lebensmacht,
Macht, die für alle Zeit gebrochen schien,
Nun aber selbsterlöst die Welt befreit.

Den so Erfahrnen wird Dein Leben Tat,
In der ein Volk zu seinem Wesen findet,
Sich seine Freiheit schafft in Deinem Willen,
In Deiner Liebe, Deinem strengen Mut.
Volk wird aus Dir, und Dein ist seine Kraft.
Wer das erlebt hat, dankt in Dir dem Volk,
Des Volkes Schicksal weiß er Dir verbunden,
Da Deinem Leben er das Heil erwünscht,
Wünscht Heil er dem, wofür er lebt: dem Volk.

zit. nach: Ernst Loewy, Literatur unterm Hakenkreuz. Das Dritte Reich und seine Dichtung. Eine Dokumentation, athenäums taschenbuch by anton hain, Frankfurt/Main, 1990

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Formal ist dies Machwerk eindrucksvoll. Fünfhebige jambische Verse in drei verschieden langen Strophen; die erste Strophe nennt zweimal das titelgebende Wort Dank, die letzte neben dem zentralen Verb dankt fünfmal das Wort Volk - so werden diese Wörter in eine unübersehbare Verbindung gesetzt. Zu Beginn der zweiten Strophe wird das Wort Frieden mit einem negativen Attribut belegt; das gewalttätige Verb peitschte ist, zusammen mit Krieg, im Duktus des Gedichts positiv verstanden - der Erste Weltkrieg als "Opfer". Der Friedensschluß wird als Schmach verstanden, ein innerliches Zustimmen als gelähmter Wille. Der rigide Militarismus wird zur klaren Zucht, die "Selbsterlösung" und "Befreiung" möglich macht.
Die dritte Strophe verrät, was es mit dieser Freiheit auf sich hat: sie ist die Folge einer Unterwerfung unter den Willen des "Führers". Damit wird deutlich, wie sehr es sich beim Nationalsozialismus um eine "Ersatzreligion" handelte. Judentum und Christentum teilen das Ideal der seelischen Freiheit durch Annahme des göttlichen Willens. Hier aber geht es um die Unterwerfung unter den Willen des Diktators, der damit zur Gottheit stilisiert wird.
Die Worte Freiheit, Liebe, Heil werden in diesem Machwerk pervertiert: Freiheit bedeutet hier Unterwerfung, Liebe bedeutet Zwang, Heil bedeutet das Unheil aller "anderen".
Obwohl sich einem selbstdenkenden Menschen der Magen umdrehen muß bei Lektüre solcher Elaborate, ist ein gelegentlicher analytischer Blick darauf sinnvoll, um bezwingendes Geschwurbel als solches zu erkennen.

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