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Dieses Thema hat 4 Antworten
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Leselust Offline



Beiträge: 2.098

25.06.2006 14:31
RE: Gottfried Keller (1819-1890) antworten

Gottfried Keller ist ein Realist selbst da, wo er Märchen schreibt und Legenden erzählt.

Spiegel, das Kätzchen

- ein Kater, der den bösen Zauberer Pineiß überlistet - ist vernunftgesteuert und witzig, ebenso wie die Heiligen seiner Sieben Legenden.

Im Entwicklungsroman
Der grüne Heinrich

wird der sympathische Held vor allem von Frauen "zur Vernunft gebracht". Überhaupt sind die Frauenfiguren bei Keller - ob es nun die himmlische Jungfrau Maria ist oder die höchst irdische Judith im Grünen Heinrich - meist in hohem Maße vernünftig und emanzipiert, lassen sich Ungerechtigkeiten nicht bieten und leben ein selbstbestimmtes Leben. Selbst die "Ursula" in den Zürcher Novellen, die einer Sekte verfällt und ihre Vernunft preisgibt, folgt am Ende wieder der eigenen Vernunft, auch wenn dies Ende äußerlich ganz klassisch anmutet: ihr Freund befreit sie aus den Fängen der Sekte, und sie verloben sich. Aber tatsächlich gelingt diese Befreiung eben deshalb, weil sie Vernunft hat, und daß die Liebe das letzte Wort hat, ist für Keller (hoffentlich nicht nur für ihn!) sehr vernünftig.
Für den calvinistisch geprägten Keller ist Vernunft eine Gottesgabe, deren Pflege dem Menschen obliegt.
Feiner Humor und sprachlicher Witz prägen Kellers Werke. Als Lyriker hat er sich auch betätigt, aber seine eigentliche Gabe ist eindeutig die novellenhafte Erzählkunst.

Gem-ini Offline



Beiträge: 15

25.06.2006 21:52
#2 RE: Gottfried Keller (1819-1890) antworten

Spiegel, das Kätzchen - eine meiner Lieblingsgeschichten

Ursula hatte ja eine ganz eigene DDR-Karriere durch die (nach meinem Urteil vermurkste) Verfilmung. Das der Film auf dem Index der Zensur landete, hatte eine gesteigerte Nachfrage in den Bibliotheken zur Folge.
Am Grünen Heinrich habe ich bisher immer vorbei gegriffen,
Deine Empfehlung ein Grund, das zu lesen

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

30.06.2006 19:19
#3 RE: Gottfried Keller (1819-1890) antworten

Ja, Zensur ist immer wieder eine hervorragende Reklame!
Die Ursula-Verfilmung kenne ich nicht; ich kann mir auch kaum vorstellen, daß das gut geht. Keller beschreibt so viel Gedankenwelt und Innenleben; eine Verfilmung macht sich dann wahrscheinlich an seinen ebenfalls wundervollen Beschreibungen des Aussehens fest, aber wenn das andere übergangen wird, muß das Werk verflacht werden. Das ist ja die Crux mit allzu vielen Literaturverfilmungen.
Allerdings, eine sehr gelungene Keller-Verfilmung ist mir bekannt: Kleider machen Leute mit Rühmann. Trotzdem bin ich immer zunächst fürs Lesen. Schon weil man Bücher mit sich herumtragen kann - versuch das mal mit 'nem Kino.

Gem-ini Offline



Beiträge: 15

30.06.2006 23:42
#4 RE: Gottfried Keller (1819-1890) antworten

an den Film kann ich mich auch noch erinnern, enttäuscht nicht (passiert ja öfter wenn man das Buch kennt)

Consus Offline




Beiträge: 49

02.09.2008 14:02
#5 RE: Gottfried Keller (1819-1890) antworten

Liebe Freunde und Freundinnen der Literatur!
Vor Jahren hatte ich mir die Reclam-Ausgabe von Gottfried Kellers Sinngedicht gekauft, aber aus verschiedenen Gründen nicht die Muße gefunden, es zu lesen. Jetzt nahm ich das mittlerweile schon etwas kellerrüchig gewordene Exemplar in die Hand, las und war doch sehr beeindruckt.
Der Naturforscher Reinhart verlässt, weil er Augenprobleme bekommen hat, seine dunkle Studierstube mit einem Papierstreifen, auf den er sich zwei Verse des Friedrich von Logau notiert hatte:
Wie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen?
Küss eine weiße Galathee: sie wird errötend lachen.

Mit diesem Sinngedicht zieht er hinaus in der Absicht, die Wahrheit dieser Verse mit Hilfe von Kussproben zu erkunden. So trifft er zuerst auf eine schöne Brückenzöllnerin, küsst sie, bringt sie zum Erröten, dann stößt er auf eine Pfarrerstochter und ein Mädchen, das ihn in einer Gaststube bedient, schließlich gelangt er in ein Schloss und zu Lucie... Was da so alles geschieht, verrate ich nicht, doch so viel sei gesagt, dass diese Begegnung im Schloss den Rahmen abgibt für die Erzählung mehrerer Novellen, die es mit dem nicht immer glücklichen Ausgang der Beziehung von Mann und Frau zu tun haben. Zum Schluss berichtet Lucie etwas aus ihrem eigenen Leben, wie sie zum katholischen Glauben einem Manne zuliebe übertrat...Auch was sich zwischen ihr, bald Lux genannt, und Reinhart ergibt, das sollte man selbst lesen.

[ Editiert von Consus am 02.09.08 14:03 ]

[ Editiert von Consus am 02.09.08 14:05 ]

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