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Dieses Thema hat 9 Antworten
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 Kitsch in der Literatur
Leselust Offline



Beiträge: 2.098

25.06.2006 14:51
RE: Brauchen wir Kitsch? antworten

Brauchen wir geblümte Teetassen? Nippes? Poesiealben?
Gilbert Keith Chesterton, der Autor der Pater-Brown-Krimis und ganz sicher kein Kitschkopf, schrieb die "Verteidigung des Schundromans". Er sagt darin, es sei doch gar nicht übel, zu schreiben, daß Mut gut und Gemeinheit schlecht ist. Der Kitsch zeige die Dinge eben, wie sie sein sollten, und wenn er das mit Mitteln tut, die auch einfach gestrickte Menschen verstehen, so sei das doch gut.
Chesterton hat damit sicher nicht völlig unrecht. Aber auch nicht uneingeschränkt recht - zu leicht beeinflußt die einfache Welt des Kitsches die so viel kompliziertere und empfindlichere Welt unserer Gedanken, führt zu Schwarz-Weiß-Malerei. Das heißt nicht, daß wir jetzt alle Porzellanengelchen, Spieluhren und Fibelgeschichten verbannen sollen. Aber hüten wir uns, sie mit der realen Welt zu verwechseln! Abgesehen davon hat unser Hirn eine zwar große, aber nicht unbegrenzte Kapazität. Hüten wir uns, es mutwillig mit kitschiger Literatur zuzustopfen! (Wenn es doch Tschechow gibt und Keller und die Droste.)

Zwilli Offline




Beiträge: 1.389

25.06.2006 21:09
#2 RE: Brauchen wir Kitsch? antworten

eine, deren Kitsch (oder ist eher talentfrei verfasste Werke die richtige Bezeichnung ?) uns in jungen Jahren viel Spass gebracht hatte, indem wir in vorgerückter Stunde ihre Gedichte rezitierten.
war die schlesische Nachtigal Friederike Kempner
Jedoch war sie in überraschend progressiv in ihrer Sicht auf gesellschaftliche Verhältnisse, das will ich nicht vergessen anzumerken.

Mein absolutes Lieblingsstück von ihr:

Der Räuber liegt am Strande
er lauschet den Arkorden
er ist nicht mehr im Stande
nen Menschen zu ermoden

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

30.06.2006 10:09
#3 RE: Brauchen wir Kitsch? antworten

Danke für diesen Hinweis! Sichtbar ist, daß man mit der besten Absicht schlecht dichten kann (aber immerhin sehr, sehr komisch). Die sozialkritischen Gedichte der Kempner strotzen von Pathos - eigentlich ein Wunder, daß sie nicht bekannter wurde, Pathos kommt doch immer gut an.

Consus Offline




Beiträge: 49

05.08.2007 18:00
#4 RE: Brauchen wir Kitsch? antworten

Zum Thema Kitsch gehört wohl auch das Gedicht Danksagung von J. R. Becher (1953). Drei Strophen mögen reichen:


Dort wird er sein, wo sich von ihm die Fluten
Des Rheins erzählen und der Kölner Dom.
Dort wird er sein in allem Schönen, Guten,
Auf jedem Berg, an jedem deutschen Strom.

Dort wirst du, Stalin, stehn, in voller Blüte
Der Apfelbäume an dem Bodensee,
Und durch den Schwarzwald wandert seine Güte,
Und winkt zu sich heran ein scheues Reh.

Nun lebt er schon und wandert fort in allen,
Und seinen Namen trägt der Frühlingswind,
Und in dem Bergsturz ist sein Widerhallen,
Und Stalins Namen buchstabiert das Kind.

Im Netz ist es in voller Länge lesbar... viel Vergnügen.

Gemini Offline




Beiträge: 11.569

27.08.2007 14:53
#5 RE: Brauchen wir Kitsch? antworten

Ach ja, der Becher...
er hat meine Schulzeit begleitet, wobei man uns mit der Stalinode schon verschont hatte, ich wurde 1960 eingeschult.
Ich muß auch zugeben, dass ich manches von ihm mochte, der Roman "Abschied" hatte ganz gute Passagen und "Wenn der Frühling läßt empor, hoch den Himmel steigen" habe ich sehr gern gesungen

hier
zu finden
aber gerade darum empfinde ich die "Propagandawerke" von ihm so schlimm, sie besudeln auch das, was eigentlich gut ist.
Aber es passt zu seiner Biographie.

Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny

Consus Offline




Beiträge: 49

03.10.2008 12:22
#6 RE: Brauchen wir Kitsch? antworten

Tag der Deutschen Einheit.
Da gehen Erinnerungen zurück in die Vor-Wende-Zeit und, ich weiß nicht wie es kommt, an – Kitsch!
Herbstliche Autofahrt ziemlich genau vor 25 Jahren im Lutherjahr 1983 über Landstraßen von Berlin nach Wittenberg. Mittagessen in Treuenbrietzen und natürlich Sabinchen-Lied...

Moritat vom Sabinchen

Sabinchen war ein Frauenzimmer,
gar hold und tugendhaft.
Sie lebte treu und redlich
immer bei ihrer Dienstherrschaft.

Da kam aus Treuenbrietzen
ein junger Mann daher,
der wollte gern Sabinchen besitzen
und war ein Schuhmacher.

Sein Geld hat er versoffen,
in Branntwein und in Bier.
Da kam er zu Sabinchen geloffen
und wollte welches von ihr.

Sie konnte ihm keines geben,
drum stahl sie auf der Stell,
von ihrer sauberen Dienstherrschaft,
zwei silberne Blechlöffel.

Doch schon nach sieben Wochen,
da kam der Diebstahl raus.
Da warf man das Sabinchen
mit Schande aus dem Haus.

Sie klagt's ihm mit Gewissensbissen,
ihr ist das Herz so schwer.
Doch jetzt will nichts mehr von ihr wissen
der Treuenbrietzener.

O, du verfluchter Schuster,
Du rabenschwarzer Hund!
Da nimmt er gleich sein Rasiermesser
und schneid't ihr ab den Schlund.

Das Blut himmelaufwärts spritzte,
Sabinchen sank um und um.
Der treulose Schuster aus Treuenbrietzen,
der stand um sie herum

In einem düst'ren Keller,
bei Wasser und bei Brot,
da hat er endlich eingestanden
die schaurige Moritat.

Am Galgen war der Treuenbrietzener
gehängt durch seinen Strick.
Dazu hat ihn gebracht die Untreu
und auch die falsche Tück.

Und die Moral von der Geschicht:
Trau' keinem Schuster nicht!
Denn der Krug geht so lang zu Wasser,
bis ihm der Henkel abbricht!

Gemini Offline




Beiträge: 11.569

04.10.2008 12:10
#7 RE: Brauchen wir Kitsch? antworten

ohh, was für eine interessante Verknüpfung,passt schon irgendwie...

Zitat
Erinnerungen zurück in die Vor-Wende-Zeit und, ich weiß nicht wie es kommt, an – Kitsch!


Ich frage mich immer, was die Treuenbriezener geritten hat, sich so mit dieser Moritat gleichzusetzen. In meinen Augen nicht gerade erstrebenswert, dadurch ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu kommen, dass ein Tagedieb und Frauenmörder aus dieser Stadt kam. Auch wenn sie Namen des Opfers nennen , über dessen Herkunft nicht berichtet ist ...
Ich weiß gar nicht, ob ich das "Sabinchenlied" unter Kitsch ablegen würde.
Wenn es jetzt gesungen wird schon, aber damals, als es entstand, die Bänkelsänger also mit Leierkasten und Schautafel durch die Gegend zogen und die Sensationslust der Leute auf Märkten durch Moritaten befriedigten, hatte es ja keinerlei künstlerischen Anspruch sondern war eher mit einem Zeitungsartikel gleichzusetzen.
Über manche Mordfälle wird länger gesprochen und manche Moritaten werden eben länger gesungen. Diese hier, bei der es ja nur um einen Mord geht,der also gar nicht so spektakulär war, lebt von dem Widersinn, dass einer, der aus Treuenbriezen kommt, sich so unehrlich
an seiner Liebsten vergeht, ihr Leumund und Leben nimmt.

Das Bänkellied zu touristischen Zwecken zu nutzen,finde ich eigentlich nur doof. Über den Fläming gibt es so viel zu erzählen....
aber da es immer noch so gemacht wird, muss das Leute ansprechen, ein Bedürfnis bei ihnen erfüllen, wohl das nach "Kitsch".

Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny

Consus Offline




Beiträge: 49

04.10.2008 14:05
#8 RE: Brauchen wir Kitsch? antworten

Nun, verehrte Gemini, Trivialkunst ist Sabinchen allemal, eine gar köstliche Probe davon. In diesen Tagen fiel mir ein altes Taschenbuch in die Hände: Wie tut mir mein Herze bluten. Lieder aus der Küche (dtv 312, München 1965). Eine Kostprobe (a.a.O. S. 24; seit 1860 gesungen):

Ein Mädchen von achtzehn Jahren

Sie war ein Mädchen von achtzehn Jahren,
Verführt von einer Jünglingshand.
Sie musste schon so früh erfahren,
Was falsche Liebe angebrannt.

Sie liebte ihn mit ihrem Herzen,
Doch er, er war ein Bösewicht.
Da fühlte sie mit tausend Schmerzen:
Er, der Geliebte, liebt mich nicht!

Von Hamburg ging sie bis nach Bremen,
Von dort bis an die Eisenbahn.
Sie wollt ihr Haupt auf Schienen legen,
Bis dass der Zug aus Barmbeck kam.

Jedoch der Schaffner sah’s von ferne,
er bremste mit gewaltger Hand.
Jedoch der Zug, er blieb nicht stehen. –
Ein Haupt rollt blutrot in den Sand.

*****************************************
Nun, wie soll man das poetisch einordnen?

Gemini Offline




Beiträge: 11.569

04.10.2008 17:38
#9 RE: Brauchen wir Kitsch? antworten

Hach, lieber Consus, das kenne ich auch... mein Mann sammelt u.a. auch Küchenlieder
Küchenlieder,die Bezeichnung trifft es als poetische Einordnung doch auch gut, sonst bleibt nur noch Trivialdichtung.
Bei mir steht das Folgende ganz hoch im Kurs:

Der Fremdenlegionär

1. Gefangen in maurischer Wüste
Liegt ein sterbender Fremdenlegionär.
Die Augen nach Norden gerichtet,
Seine Heimat, die sieht er nicht mehr.

Teure Schwalben
Aus Frankreichs grünen Auen-
Bringt mir den Gruß
Aus fernem Heimatland,
Ach wär's mir doch vergönnt,
Die Heimatflur zu schauen,
Bringt mir ein' Gruß
Aus fernem Heimatland,
Bringt mir ein' Gruß, ein' Gruß
Aus fernem Heimatland.

2. Schon zweimal ist's Frühling geworden,
Und sie hab'n mein Gebet nicht gehört.
Die Schwalben, sie zogen nach Norden,
Ohne Gruß sind sie wiedergekehrt.

Teure Schwalben
Aus Frankreichs grünen Auen-
Die ihr den Weg
Durch Meer und Wüste fand't,
Euch sei's vergönnt, vergönnt,
Die deutsche Flur zu schauen,
Bringt mir ein' Gruß
Aus fernem Heimatland,
Bringt mir ein' Gruß, ein' Gruß
Aus fernem Heimatland.

3. Und jenseits, am Ufer des Rheines,
Wo die schönsten Jahre entflohn,
Dort sitzt eine Mutter und weinet
Um den lange entschwundenen Sohn.

Teure Schwalben
Aus Frankreichs grünen Auen-
Bringt mir ein' Gruß
Aus fernem Muttermund,
Ach wär's mir doch vergönnt,
Die deutsche Flur zu schauen,
Bringt mir ein' Gruß
Aus fernem Heimatland,
Bringt mir ein' Gruß, ein' Gruß
Aus fernem Heimatland.

Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

05.10.2008 03:52
#10 RE: Brauchen wir Kitsch? antworten

Am 19.1.1883 sank die Cimbria; mehrere hundert Menschen, darunter viele Auswanderer, kamen um, unter ihnen die Brüder Wilhelm und Charles Alexander Beuth. Auf sie schrieb eine nicht völlig geschmacksichere Dame, Lydia Schmittborn, dies Lied, das äußerst populär wurde:

Zwei Brüder wollten wandern, wohl nach Amrika,
sie zogen mit viel andern an Bord der Cimbria.

Der erste Tag war helle, dann stieg der Nebel auf;
die Schiffer fuhren langsam der vorgeschrieb'nen Lauf.

Doch plötzlich sah man's blinken, zur Seit ein helles Licht!
Ihr Lieben, wir versinken die Cimbria, sie bricht.

Der Bruder sprach zum andern: "Wenn du gerettet wirst,
so ziehe in de Heimat und grüße sie von mir."

Der Bruder aber schweiget, sein Mund war schon verstummt,
da zogen die Gewässer die beiden auf den Grund.

Nun hat's ein End' mit diesen, die hier versunken sind.
Lebe wohl, du mein Feinsliebchen, lebe wohl auf Wiedersehn.

---

Natürlich ist das purer Kitsch. Zugleich aber ist es ein Denkmal für die Brüder Beuth und die anderen Ertrunkenen; meines Wissens sind die Opfer dieser Havarie nirgendwo anders besungen, obwohl es ja an großen Dichtern, die fähig dazu gewesen wären, nicht fehlte.
Bei einem großen Unglück wallen die Gemüter naturgemäß hoch. Dabei entsteht sehr schnell Sentimentalität, und wenn die dann auf einen Mangel an Talent trifft, kommt es zu Kitsch.
Dabei wird dann leider das gut gemeinte Gedenken an die Opfer zu einem mit wohligem Schauder beim Kochen und Bügeln gesungenen Boulevardpressebericht.

[ Editiert von Administrator Leselust am 14.11.08 9:43 ]

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