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Leselust Offline



Beiträge: 2.098

30.06.2006 10:47
RE: Der viktorianische Schauerroman antworten

Mary Shelleys Frankenstein, die beängstigende Geschichte des künstlichen Menschen, den schlechte Behandlung zum Ungeheuer macht, ist zwar noch nicht viktorianisch - aber er deutet schon auf diese Epoche hin. Der viktorianische Schauerroman par excéllence ist Bram Stokers Dracula. Beide Werke verbindet die scheinbare Wissenschaftlichkeit: das geisterhafte Grauen widerfährt nicht Menschen einer fernen Märchenzeit, sondern gebildeten Zeitgenossen, dem Arzt Frankenstein, dem Juristen Harker. Es widerfährt nicht unvermittelt, sondern mit Grund und Ursache. Das Böse hat nachvollziehbare Gründe (Verachtung und schlechte Behandlung des Frankensteinschen Kunstmenschen) oder wenigstens eine recherchierbare Geschichte (die Person des Grafen Vlad Dracul sowie die gespenstischen Überlieferungen der Bevölkerung, denen ein wahrer Kern zugrunde liegt). Die Entwicklung des gutmütigen, liebebedürftigen Kunstmenschen zum mörderischen Bösewicht ist logisch: der abstoßend häßliche Kunstmensch wird so lange schlecht behandelt, seine Freundlichkeit so lange übersehen, bis er endlich aus Verzweiflung böse wird. Die Vampirgeschichte ist weniger faßbar, wird aber mit wissenschaftlicher Akribie behandelt.
Das Genre des Schauerromans war beliebt - und natürlich in jeder Qualität von großer Literatur bis Schund vorhanden (die Groschenhefte kamen in jener Zeit auf). Auch anderswo als in Großbritannien fand Schauerliteratur statt (z.B. in Amerika mit E.A. Poe, in Deutschland mit E.T.A. Hoffmann) - aber Großbritannien mit seiner seit alters hohen Geisterpopulation ist ihre eigentliche Heimat.

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