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Dieses Thema hat 2 Antworten
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Leselust Offline



Beiträge: 2.098

13.07.2007 10:39
RE: Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857) antworten

Sehnsucht ist die Grundstimmung von Eichendorffs Werken - und ist das Grundgefühl der Romantik. Das Gedicht Mondnacht beschreibt diese Sehnsucht so genau, wie sich ein derart vages Gefühl nur beschreiben läßt.
Zu meinen Lieblingsbüchern zählt Aus dem Leben eines Taugenichts - ein junger Mann findet durch ein vollkommen sorgloses und naives Vertrauen, daß schon irgendwie alles gut werden wird, tatsächlich sein - märchenhaft schönes - Glück. Aber auch düstere Angstbilder schildert Eichendorff, wie Das Marmorbild - doch auch hier wendet sich zuletzt alles zum Guten durch den Glauben an das Gute. Von diesem Glauben ist das ganze Werk durchzogen; er ist Trost auch im dritten und letzten der Gedichte Auf meines Kindes Tod.
Die politischen Zeitläufte sah Eichendorff mit mehr Spott als Respekt. Bei aller Ungerechtigkeit dieser Spottlust (so ganz unsinnig war das Aufbegehren ja keineswegs) - bei der Lektüre der Satire Auch ich war in Arkadien habe ich einige auch nicht ganz unkomische Alt-Achtundsechziger vor Augen.
Allerdings stelle ich bei der Lektüre auch fest, daß Eichendorff als Satiriker weniger gut zu lesen ist. Das mag mit daran liegen, daß Satire stark zeitgebunden ist. Aber vor allem widersprach die Satire wohl seinem grundsätzlichen Wesen, seiner Überzeugung, daß am Ende "alles, alles gut" wird.

Was Dichtung im Grunde ist, beschreibt in zauberhafter Kürze sein Vierzeiler:

Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

26.11.2007 16:46
#2 RE: Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857) antworten

Heute, zum 150. Todestag - nur heute, aber dafür bis 21.00 Uhr! - ist in der Staatsbibliothek Berlin eine Ausstellung.
Hier stelle ich nur ein weiteres Gedicht vor:

Gewalt'ges Morgenrot,
Weit, unermeßlich – du verzehrst die Erde!
Und in dem Schweigen nur der Flug der Seelen,
Die säuselnd heimziehn durch die stille Luft. –

Außerdem ein Hinweis auf eine weitere schöne Seite über Eichendorff, auf der neben viel Literatur auch die seltsamerweise recht unbekannte Daguerrotypie des alten Dichters zu sehen ist.
Und hier gibt es einen Artikel mit zahlreichen Zitaten von und über Eichendorff.

[ Editiert von Administrator Leselust am 26.11.07 16:49 ]

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

14.01.2009 17:40
#3 RE: Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857) antworten

Folgendes Aufsätzchen schrieb ich vor Jahren, vielleicht ist es in diesem Zusammenhang hilfreich.

Zitat
Aus dem Leben eines Taugenichts (7. Kapitel)

Unterwegs erfuhr ich, daß ich nur noch ein paar Meilen von Rom wäre. Da erschrak ich ordentlich vor Freude. Denn von dem prächtigen Rom hatte ich schon zu Hause als Kind viel wunderbare Geschichten gehört, und wenn ich dann an Sonntagnachmittagen vor der Mühle im Grase lag und alles ringsum so stille war, da dachte ich mir Rom wie die ziehenden Wolken über mir, mit wundersamen Bergen und Abgründen am blauen Meer und goldenen Toren und hohen glänzenden Türmen, von denen Engel in goldenen Gewändern sangen. - Die Nacht war schon wieder lange hereingebrochen, und der Mond schien prächtig, als ich endlich auf einem Hügel aus dem Walde heraustrat und auf einmal die Stadt in der Ferne vor mir sah. - Das Meer leuchtete von weitem, der Himmel blitzte und funkelte unübersehbar mit unzähligen Sternen, darunter lag die heilige Stadt, von der man nur einen langen Nebelstreif erkennen konnte wie ein eingeschlafener Löwe auf der stillen Erde, und Berge standen daneben wie dunkle Riesen, die ihn bewachten.

Ich kam nun zuerst auf eine große, einsame Heide, auf der es so grau und still war wie im Grabe. Nur hin und her stand ein altes, verfallenes Gemäuer oder ein trockener, wunderbar gewundener Strauch; manchmal schwirrten Nachtvögel durch die Luft, und mein eigener Schatten strich immerfort lang und dunkel in der Einsamkeit neben mir her. Sie sagen, daß hier eine uralte Stadt und die Frau Venus begraben liegt und die alten Heiden zuweilen noch aus ihren Gräbern heraufsteigen und bei stiller Nacht über die Heide gehen und die Wanderer verwirren. Aber ich ging immer gerade fort und ließ mich nichts anfechten. Denn die Stadt stieg immer deutlicher und prächtiger vor mir herauf, und die hohen Burgen und Tore und goldenen Kuppeln glänzten so herrlich im hellen Mondschein, als ständen wirklich die Engel in goldenen Gewändern auf den Zinnen und sängen durch die stille Nacht herüber.

So zog ich denn endlich erst an kleinen Häusern vorbei, dann durch ein prächtiges Tor in die berühmte Stadt Rom hinein.



Durch die Ichform erreicht Eichendorff ein unmittelbares Mitempfinden mit den starken Gefühlen seines „Taugenichts“. Vollkommen realistisch sind nur der erste und der letzte Satz dieses Textauszugs: Der „Taugenichts“ erfährt, daß er nicht weit von Rom entfernt ist, und geht schließlich in die Stadt hinein. Im ganzen dazwischenliegenden Text ist selbst reales Geschehen - das erste Erblicken Roms, das Ankommen auf der Heide - so vom träumerischen Gefühlsleben des „Taugenichts“ gefärbt, so eingebunden in seine märchen- und mythenhaften Vorstellungen, daß es unwirklich erscheint.

Man kann den Text in vier Teile gliedern: die Erinnerung an kindliche Phantasmagorien von der nur aus Erzählungen bekannten Stadt Rom, die Beschreibung des ersten Anblicks der noch fernen, unkenntlichen Stadt und der sie umgebenden Natur, der Gang über die Heide in Gedanken an unheimliche Göttermythen, schließlich der deutliche Blick auf die Stadt und der Einzug in Rom.
Die ersten beiden Teile bilden in ihrer Lieblichkeit einen Kontrast zum unheimlichen dritten Teil. Angekündigt wird dieser Gegensatz im letzten Satz des zweiten Teils, in dem der erste Blick auf Rom schön und beeindruckend erscheint, aber nicht gefahrlos - die Vergleiche „wie ein schlafender Löwe“, „wie dunkle Riesen“ haben schon etwas Unheimliches an sich. Der vierte Teil bildet, beginnend mit dem Gegensatzwort „aber“, einen Kontrast zum dritten. Der Schauder der düsteren Heide wird durch den nun deutlichen Anblick der schönen, ersehnten Stadt überdeckt. Der friedliche Kindertraum aus dem ersten Teil wird wiederholt. Im letzten Satz wird der Gegensatz zwischen der unwirtlichen Heide und der lebensvollen, prächtigen Stadt noch einmal wiederholt: Der „Taugenichts“ geht „an kleinen Häusern vorbei… in die berühmte Stadt Rom hinein“. Bereits zu Anfang stand der gefühlsmäßige Gegensatz von Schrecken und Freude. Damit sind Anfang und Ende des Textes in dreifacher Weise verbunden: Das Erfahren der Nähe zur Stadt und der Einzug gehören logisch zusammen; erster und letzter Satz sind realistisch; im zweiten wie im letzten Satz arbeitet Eichendorff mit Gegensätzen. Auch das Adjektiv „prächtig“ steht zu Anfang wie am Ende.
Eine Steigerung liegt in der zunehmenden Deutlichkeit und Wirklichkeit der Stadt. Zunächst ist da nur die Erinnerung an den kindlichen Wachtraum, der „Rom wie die ziehenden Wolken“ sieht, also fern, schwebend, ungreifbar.
Der erste Blick auf die Stadt ist noch undeutlich, Rom wird als „Nebelstreif“ wahrgenommen (übrigens ein Ausdruck, den ich nicht als „Bild“ bezeichnen möchte, da er dem realen Wahrnehmen einer nächtlichen, weit entfernten Stadt entspricht!), die Stadt wird mit einem eingeschlafenen Löwen verglichen und die zu Bergen überhöhten Sieben Hügel mit wachenden Riesen - auch hier übrigens wieder ein Gegensatzpaar: „eingeschlafen“ und „bewachend“.
Schließlich steigt Rom „immer deutlicher und prächtiger“ vor dem „Taugenichts“ herauf; er erkennt die einzelnen Bauwerke. Die Deutlichkeit der mondhellen Stadt erhält gleichwohl einen phantastischen, unwirklichen Zug durch die Idee, auf ihren Zinnen ständen singend „Engel in goldenen Gewändern“.
Der Einzug in die Stadt ist realistisch beschrieben, allerdings nicht ohne die bewundernden Adjektive „prächtig“ und „berühmt“.
Eichendorff benutzt viele Adjektive. Die Bilder beziehen sich mit einer Ausnahme auf Rom. Diese Ausnahme - still „wie im Grabe“ - beschreibt die Heide mit einem kurzen, einfachen, altbekannten Bild. Sehnsucht nach der Stadt und Freude über die Ankunft überwiegen bei weitem den Schauder angesichts der düsteren Heide.

Der „Taugenichts“ ist auf Wanderschaft. Als er erfährt, daß Rom nicht mehr weit ist, geht er glücklich und unbeirrt von der eingebrochenen Nacht weiter, bis er das Stadttor durchschreitet. Den ganzen Weg lang träumt er von Rom, das er nur aus Erzählungen seiner Kindheit kennt, von christlichen und heidnischen Sagen.
Zunächst erfährt er, daß Rom „nur noch ein paar Meilen“ entfernt ist. Seine plötzliche Freude darüber löst die Sensation eines Schreckens aus - wir erfahren gleich zu Anfang, daß er sich nach Rom gesehnt haben muß und daß er sensibel und empfänglich für starke Gefühle ist. Er erklärt diese übergroße Freude mit der Erinnerung an seine kindlichen Tagträume über die Stadt, von der er nichts als „viele wunderbare Geschichten“ kennt („wunderbar“ heißt bei Eichendorff noch nicht „sehr schön“, sondern „zum Wundern“, „unbegreiflich“). In der traumhaften Atmosphäre stiller, warmer Nachmittage hat er sich damals eine ungreifbare, überhöhte Märchenstadt vorgestellt an einem (dem Müllersohn ebenfalls unbekannten) Meer; die Sieben Hügel wuchsen in seiner Phantasie zu Bergen mit gefahrvollen Abgründen (die er in den wandelhaften Wolkenformen am blauen Himmel - dem „Meer“ - gesehen haben mag). Ein begeisterter Reisebericht von der Engelsburg mag ihm die Idee von goldenen, singenden Engeln auf den Türmen der Stadt gegeben haben. In Erinnerung an diesen Kindertraum von Rom wandert er durch den Wald und scheint erst zu merken, daß längst Nacht ist, als der Wald sich auf einen mondbeschienenen Hügel öffnet. Wir können mitempfinden, wie ein Mensch, in holden Erinnerungen befangen, seine Umgebung völlig vergißt.
Nun sieht er zum ersten Male die wirkliche Stadt Rom, aber er sieht sie noch nicht wirklich, da sie durch Dunkelheit und Entfernung noch konturenlos und nebelhaft erscheint. Auch das Meer, unwirklich leuchtend in der mondhellen, sternklaren Nacht, sieht er zum ersten Mal. Der südliche Sternhimmel ist ihm ebenfalls eine neue Erfahrung in seiner für Deutsche ungewohnten Schönheit. Daß die Stadt darunter als heilig gilt, leuchtet ihm unmittelbar ein. Er sieht sie in ihrer verschwommenen Undeutlichkeit als „schlafenden Löwen“. Schlaf steht für Friede, Löwe für Gefahr, aber auch für Königtum und Größe. Der „Taugenichts“ ahnt vielleicht die Gefahren einer Großstadt, erinnert sich vielleicht an Erzählungen von Straßenraub, Beutelschneiderei und Totschlag oder von der blutigen Geschichte Roms. Gleichzeitig empfindet er die Stadt als königlich durch die hinreißend schönen Phantasiebilder seiner Kindheit und wohl auch durch ihre besondere Lage zwischen den Hügeln am Meer. Die Hügel selbst - in der Nacht größer erscheinend und als „Berge“ bezeichnet wie in der kindlichen Vorstellung von Rom - scheinen „wie dunkle Riesen“ und würdige Wächter für den schlafenden König.
Beim Gang über die Heide scheint die Stille der Nacht nicht mehr friedvoll, sondern „wie im Grabe“. Ruinen und dürre Sträucher prägen das Bild der Heide; sein Schatten scheint sich als schwarzes, dürres Etwas verselbständigt zu haben. Die bedrohlichen alten Mythen werden lebendig; die „Frau Venus“ ist hier begraben, der Ort lieblos. Die Geister der alten Heiden sollen hier umgehen. Die Düsternis der Beschreibung wird durch Adjektive mit dunklen Vokalen verstärkt (grau, trocken, wunderbar gewunden, dunkel). Die schwirrenden Nachtvögel sind Todessymbole und Attribute der ernsten, strengen und keuschen Göttin der Weisheit - die dem „Taugenichts“ ziemlich fremd bleibt in seiner sorglosen Träumerei. Er läßt sich auch von der unheimlichen Atmosphäre nicht erschrecken oder beirren. Die Beschreibung der Heide dient damit durch den Kontrast zur freundlichen Unbekümmertheit des „Taugenichts“ als Betonung seines lustigen Draufgängertums: Er läßt sich „nichts anfechten“, sieht nur immer deutlicher die schöne Stadt und kann sich vorstellen, daß auf den mondbeglänzten Dächern tatsächlich die Engel seiner Kindheit stehen und singen.
Er kümmert sich nicht um Nebensachen wie die unscheinbaren Häuser auf oder nahe der Heide, sondern zieht „durch ein prächtiges Tor in die berühmte Stadt Rom hinein“. Der „Taugenichts“ ist bei seiner unbeirrten Nachtwanderung nicht eigentlich besonders mutig. Er denkt nur nicht daran, daß ihm etwas zustoßen könnte, weil seine Träume ihm zum Denken gar keine Zeit lassen. Das Rom seiner kindlichen Tagträume vor Augen, wird er die Stadt nicht als Enttäuschung, sondern als Bestätigung erleben, da er wie ein Kind alles überhöht sieht und dabei die erschreckenden Momente verschwindend unwichtig findet neben dem Schönen, was er erlebt.
„Prächtig“ scheint ihm Rom, der Mond, das Stadttor; wo er hingeht, müssen auch singende Engel sein. Es ist schwer vorstellbar, daß dieser arglose, fröhliche Träumer je eine Gefahr anzieht.
Ich verstehe Eichendorffs „Taugenichts“ als einen Aufruf zum Träumen, als Ausdruck der Hoffnung, durch gelebte schöne Träume möge das Leben leichter und schöner werden.

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