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Dieses Thema hat 14 Antworten
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 Plauderecke
Leselust Offline



Beiträge: 2.098

05.08.2007 22:37
RE: Lieblingsgedichte antworten

Auf die Anregung von Consus ist hier Raum für die Vorstellung Eurer Lieblingsgedichte - vorausgesetzt, sie sprengen den Rahmen des Forums nicht (sind also aus dem 19. Jh.).

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

06.08.2007 22:10
#2 RE: Lieblingsgedichte antworten

Ich fange an in der Hoffnung, daß dann auch andere sich trauen. Zwar kann ich nicht eigentlich von einem Lieblingsgedicht sprechen - aber zu den vielen Gedichten, die mich in besonderer Weise berühren, gehört das folgende von Heinrich Heine:

Childe Harold

Eine starke, schwarze Barke
Segelt trauervoll dahin.
Die vermummten und verstummten
Leichenhüter sitzen drin.

Toter Dichter, stille liegt er,
Mit entblößtem Angesicht;
Seine blauen Augen schauen
Immer noch zum Himmelslicht.

Aus der Tiefe klingt's, als riefe
Eine kranke Nixenbraut,
Und die Wellen, sie zerschellen
An dem Kahn, wie Klagelaut.

Childe Harold's Pilgrimage, das weitgehend autobiographische Epos von Lord Byron, war mir vollständig unbekannt, als ich dies Gedicht mit fünfzehn Jahren zum ersten Mal las, und ich gestehe, daß sich das noch nicht sehr stark geändert hat. Aber das Bild, das Heine heraufbeschwört, ist auch ohne diese Kenntnis bezwingend schön in seiner romantischen Düsterkeit.

[ Editiert von Administrator Leselust am 06.08.07 22:12 ]

Consus Offline




Beiträge: 49

06.08.2007 23:21
#3 RE: Lieblingsgedichte antworten

Friedrich Nietzsche

Vogel - Urtheil.

Als ich jüngst, mich zu erquicken,
Unter dunklen Bäumen sass,
Hört' ich ticken, leise ticken,
Zierlich, wie nach Takt und Maass.
Böse wurd' ich, zog Gesichter,
Endlich aber gab ich nach,
Bis ich gar, gleich einem Dichter,
Selber mit im Tiktak sprach.
Wie mir so im Versemachen
Silb' um Silb' ihr Hopsa sprang,
Musst ich plötzlich lachen, lachen
Eine Viertelstunde lang,
Du ein Dichter? Du ein Dichter?
Stehts mit deinem Kopf so schlecht? -
"Ja, mein Herr! Sie sind ein Dichter!"
- Also sprach der Vogel Specht.

------------------------------------------
Ob ich Nietzsche richtig deute, weiß ich nicht; doch scheinen seine Verse diejenigen zum Nachdenken anzuregen, die schon das für Poesie halten, was vollendetem Tiktak gemäß nach Maß und Zahl komponiert dem Leser vorgelegt wird. Dieses Hopsa ist doch wahrlich oft zum Lachen, Lachen..., wenn eben die Substanz fehlt.
Sollte man in diesem Zusammenhabg nicht auch an Mörikes „Restauration“ denken?

ignipotens Offline



Beiträge: 2

08.08.2007 21:16
#4 RE: Lieblingsgedichte antworten

eigentlich ist es ein liedtext, aber für mich durchaus auch ein wunderbares gedicht..ich hoffe, ihr seht es ähnlich

Subway To Sally
Traum vom Tod II (1996)



Ich hab heut Nacht vom Tod geträumt
er stand auf allen Wegen
er winkte und er rief nach mir so laut
er sprach mein Leben sei verwirkt
ich sollt mich zu ihm legen
ein frühes Grab sei längst für
mich gebaut

ich floh soweit das Land mich trug
soweit die Vögel fliegen
doch mir zur Seite spürte ich den Tod
sein Schatten folgte meiner Spur
ich sah ihn bei mir liegen
und seine Hände waren blutig rot

da wußte ich es weht der Wind
und Regen fällt hernieder
auch wenn schon längst kein Hahn mehr
nach mir kräht
weil ich schon längst vergessen bin
singt man mir keine Lieder
nur Unkraut grünt und blüht auf
jedem Feld

ich hab heut Nacht vom Tod geträumt
es gibt kein ewig Leben
für Mensch und Tier und Halm und Strauch
und Baum
... das war mein Traum


wenn ich zeit finde, such ich für euch ein youtube video raus, damit ihr es auch mal gesungen hören könnt

an manchen stellen, sagt mir mein gefühl, dass ein wort eigentlich schon in die nächste zeile gehört...zb: "für" in der ersten strophe und "auf" in der dritten strophe...kenn mich aber nicht so damit aus...hab es jetzt mal so zitiert, wie ich es häufig im netz gefunden habe...auf der ofiziellen subway to sally seite habe ich leider keine lyrics gefunden...was meint ihr dazu?

[ Editiert von ignipotens am 08.08.07 21:22 ]

[ Editiert von ignipotens am 08.08.07 21:25 ]

Consus Offline




Beiträge: 49

08.08.2007 22:29
#5 RE: Lieblingsgedichte antworten

Ignipotens, BeherrscherIN des Feuers!
Leider kenne ich mich mit solchen Liedern gar nicht aus (gehöre wohl einer anderen Generation an), gestehe aber, dass mich beim allerersten Durchlesen unendliche Traurigkeit befiel, und das an diesem verregneten späten Abend. Wäre durchaus an der Musik interessiert...

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

09.08.2007 19:01
#6 RE: Lieblingsgedichte antworten

Salve Ignipotens,

ein wenig erinnert mich das hieran.
Und obwohl es ja wohl aus dem 20. Jh. sein dürfte, ist das von Dir vorgestellte Lied ganz in der romantischen Tradition; der Tod wird einerseits gefürchtet, andererseits in sehr poetischen Bildern beschrieben.
Auch ich wäre für die Aufnahme sehr dankbar.

Consus Offline




Beiträge: 49

07.09.2007 09:53
#7 RE: Lieblingsgedichte antworten

Gestern fiel mir bei der Betrachtung der Photographie einer Kapelle wieder das bekannte Gedicht von Ludwig Uhland aus dem Jahre 1805 ein:

Ludwig Uhland

Die Kapelle

Droben stehet die Kapelle,
Schauet still ins Tal hinab.
Drunten singt bei Wies' und Quelle
Froh und hell der Hirtenknab'.

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
Schauerlich der Leichenchor,
Stille sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal.
Hirtenknabe, Hirtenknabe!
Dir auch singt man dort einmal.

[ Editiert von Consus am 07.09.07 9:54 ]

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

07.09.2007 12:24
#8 RE: Lieblingsgedichte antworten

Ja, die romantische Todessehnsucht. Ganz mein Fall, wie Du weißt - und auch der durchaus lebenslustige Eduard Mörike kannte und konnte das:

Denk es, o Seele

Ein Tännlein grünet wo,
Wer weiss, im Walde,
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rösslein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!

Gemini Offline




Beiträge: 11.569

11.09.2007 10:06
#9 RE: Lieblingsgedichte antworten

naja, mit dieser Schwermut habe ich es nicht so, zu meinen Lieblingen gehört das hier:

Ich und Du

Friedrich Hebbel


Wir träumten voneinander
Und sind davon erwacht.
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in die Nacht.

Du tratst aus meinem Traume,
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich Eines
Im andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund,
Zerfließen in Eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.

Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny

Consus Offline




Beiträge: 49

22.11.2007 09:49
#10 RE: Lieblingsgedichte antworten

In einer alten Ausgabe von Chapmans Homerübersetzung finde ich das berühmte Gedicht von John KEATS (1795-1821):

On First Looking into Chapman’s Homer

Much have I travell’d in the realms of gold.
And many goodly states and kingdoms seen;
Round many western islands have I been
Which bards in fealty to Apollo hold.
Oft of one wide expanse had I been told
That deep-brow’d Homer ruled as his demesne:
Yet did I never breathe its pure serene
Till I heard Chapman speak out loud and bold:
Then felt I like some watcher of the skies
When a new planet swims into his ken;
Or like stout Cortez when with eagle eyes
He stared at the Pacific – and all his men
Look’d at each other with a wild surmise –
Silent, upon a peak in Darien.

***

Welche Empfindungen!
An eine Übersetzung wage ich mich erst gar nicht ...


[ Editiert von Consus am 22.11.07 9:52 ]

Consus Offline




Beiträge: 49

12.03.2008 17:25
#11 RE: Lieblingsgedichte antworten

An Chloe.

Will Claudias Zusammenstellung feinster Frühlingsgedichte anderen Orts keine Konkurrenz machen. Doch sei’s mir am Rande erlaubt, Horazens gedenken. Hier seine Ode 1, 23 an Chloë mit der Übersetzung von Emanuel Geibel.

Vitas inuleo me similis, Chloe,
quaerenti pavidam montibus aviis
matrem non sine vano
aurarum et silvae metu.
Nam seu mobilibus veris inhorruit
adventus folliis, seu virides rubum
dimovere lacertae,
et corde et genibus tremit.
Atqui non ego te, tigris ut aspera
Gaetulusve leo, frangere persequor:
tandem desine matrem
tempestiva sequi viro.


An Chloë (übers. v. Emanuel Geibel)

Warum fliehst du mich, Kind, scheu wie das junge Reh,
Das im wilden Gebirg' nach der geängsteten
Mutter sucht und in eitler
Furcht vor jeglichem Hauch erschrickt?
Gehn durchs zitternde Laub nur des erwachenden
Frühlings Schauer dahin, raschelt im Brombeerstrauch
Nur die grüne Lacerte,
Gleich erbeben ihm Herz und Knie.
Doch ich folge ja nicht wie ein Gätulerleu,
Wie ein Tiger dir nach, der dich zerreißen will;
Lass denn, lass von der Mutter
Endlich, da du zur Liebe reif!


[ Editiert von Administrator Leselust am 17.03.08 12:40 ]

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

12.03.2008 17:41
#12 RE: Lieblingsgedichte antworten

Was für ein wunderschönes Gedicht! Vielen Dank, Consus.

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

08.09.2008 19:09
#13 RE: Lieblingsgedichte antworten

Leider finde ich die folgende freche Ballade zwar (bis auf den Titel) vollständig, wenn auch ohne Gewähr auf wörtliche Richtigkeit, in meinem Gedächtnis, aber sonst nirgends. Ich glaube, der Autor ist Detlef Freiherr von Liliencron, bin mir aber nicht sicher - vielleicht weiß es jemand anders?

Der Knappe, den die schlimme
Vorfrühlingsluft zum Reiten trieb,
Sang hell mit junger Stimme
An einem alten Liebeslied.

Beim Kloster der Klarissen
Flog über hohe Gartenwand
Ein Apfel, drein gebissen
Ein Gruß von kleinen Zähnen stand.

Der Sattel rieb die Mauer,
Daran der glatte Efeu schlief,
Der Knappe klomm das Bauer
Daraus das stumme Vöglein rief.

Sie lag in seinen Armen,
Er bog zum Kusse ihr Gesicht.
Sie sagte: "Hab Erbarmen,
Und rühre meine Lippe nicht!

Mein ewges Heil wär Scherben,
Wenn jemand träfe meinen Mund -
Der heilge Franz, im Sterben
Würd's ihm an meinen Lippen kund!"

Da sprach der Ehrfurchtsvolle:
"Leg zwischen dein und mein Gesicht
Des Kuttenärmels Wolle -
Vielleicht merkt's dann der Heil'ge nicht!"

Sie tat, wie er geheißen -
Die Augen tauchten bis zum Grund,
Und an der Wand, der weißen,
Lag rechts und links ein roter Mund.

Sie küßten in der Mitten
Des groben Tuches rauhe Schur;
Sie küßten - und sie litten,
Und hielten doch den strengen Schwur.

Und als er spät geschieden,
Und als sie auf dem Lager lag -
Wie pochte da im Sieden
Die Lippe ihr vom Pulsesschlag!

Der Knappe kam nicht wieder -
Wer weiß, wohin sein Herr verritt?
Im Garten auf und nieder
Geht ruhelos ein junger Schritt.

In Sehnen und in Sorgen
Liest sie das heil'ge Stundenbuch,
Und im Brevier verborgen
Liegt schleierzart - ein Seidentuch.

Gemini Offline




Beiträge: 11.569

09.09.2008 16:03
#14 RE: Lieblingsgedichte antworten

Leider Claudia, ich kenne das nicht und finde auch nichts. Liliencorn mag ich eigentlich gern lesen...
Dafür stell ich eines meiner Lieblinge ein, was in die Vorgabe auch passen müßte, denn Friedrich Hölderlin war Grenzgänger zwischen zwei Jahrhunderten. Ich gehe davon aus, dass er die Schwelle zum 19. Jhd. überschritten hatte, als er dieses Gedicht schrieb:

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde ?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny

Gemini Offline




Beiträge: 11.569

13.03.2009 11:00
#15 RE: Lieblingsgedichte antworten

damit das schöne Forum nicht ganz in Leichenstarre fällt, hier der feine Alexander Puschkin erfüllt die zeitlichen Forenvorgaben und ist allemal lesenswert:


Hat das Leben dich betrogen...


Hat das Leben dich betrogen,
Traure nicht und zürne nicht!
Mit des neuen Tages Licht
Ist vielleicht dein Leid verflogen.

Hoffnung hege stets aufs neu.
Mag das heute dich betrüben,
Alles, alles geht vorbei.
Ist´s vergangen, wirst du´s lieben.

Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny

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