Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden  
logo
Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 6 Antworten
und wurde 1.483 mal aufgerufen
 Hier wird vorgestellt und besprochen:
Consus Offline




Beiträge: 49

08.08.2007 18:42
RE: Joris-Karl Huysmans (1848-1907) antworten

1891 erschien Joris-Karl Huysmans’ Roman Là-Bas (Tief unten), ein Skandalerfolg, wie es im Nachwort der bei Reclam erschienenen Übersetzung von Ulrich Bossier handelt (Stuttgart 1994, 374 S.). Wenn ich hier auf diesen Roman hinweise, will ich nicht etwas schreiben, was man im genannten Nachwort, in Literaturgeschichten u. dgl., von viel kompetenteren Leuten dargestellt, nachlesen kann. Um aber Anreiz zum Lesen zu bieten, beschränke ich mich auf eine Stichwortkette, die wesentliche Inhalte des Buches in denkbar knappster Form widerspiegelt: der „Blaubart“ genannte Gilles de Rais (15. Jh.), dessen Untaten und Prozess – Satanismus – Glockensymbolik - Astrologie – Spiritismus – Inkubat – Sukkubat – Nekromantie – Positivismus und Satanismus – Satanspriester – schaurige Darstellung der Schwarzen Messe im Kapitel XIX (S. 271ff.). Daneben erwähnenswert die Beschreibung des Tauberbischofsheimer Altars von Matthias Grünewald (S. 11ff.)..
Einige Zitate, welche trotz der Übersetzung aus dem Französischen etwas von der Sprache des Autors erkennen lassen:
S. 12 (zu den Füßen Jesu auf dem Grünewaldbild): „Gräßlich waren sie anzuschauen, diese schwammigen, klumpig verdickten Füße; das Fleisch trieb Sprossen, wucherte über den Nagelkopf, und die gekrümmten Zehen widersprachen der flehenden Geste der Hände, schleuderten Verwünschungen, zerkrallten beinahe mit ihren blaulichen Hornplatten das Ockergelb des Bodens...“.
S. 33f. (zum Thema Staub): „Staub ist doch eine sehr gute Sache. Abgesehen davon, dass er den Geschmack uralter Bücher heraufbeschwört, ist er das fließende Samtkleid der Dinge, der feine, nur eben trockene Regen, der die allzu krassen Farben und die rohen Töne ausbleicht. Er ist auch Verlassenheitshülle, Vergessensschleier.“
S. 189 (zum Thema Frau): „Das Beste im Leben sind Frauen, die man nicht bekommt.“
Die vielen anderen Aspekte des Romans erschließen sich bei eigener Lektüre.

[ Editiert von Consus am 08.08.07 18:45 ]

ignipotens Offline



Beiträge: 2

08.08.2007 21:04
#2 RE: Joris-Karl Huysmans (1848-1907) antworten

hab zuvor noch nie was davon gehört...die zitate sind aber schon so interessant, dass ich es unbedingt lesen muss

[ Editiert von ignipotens am 08.08.07 21:05 ]

Consus Offline




Beiträge: 49

08.08.2007 23:08
#3 RE: Joris-Karl Huysmans (1848-1907) antworten

Kleine Ergänzung zu Huysmans. Der französische Text steht im Netz unter:
http://www.huysmans.org/labasf/labas1.htm

Hier ein Auszug aus der Beschreibung der Grünewaldschen Kreuzigung im Original:
... puis, les genoux rapprochés de force heurtaient leurs rotules, et les jambes tordues s'évidaient jusqu'aux pieds qui, ramenés l'un sur l'autre, s'allongeaient, poussaient en pleine putréfaction, verdissaient dans des flots de sang. Ces pieds spongieux et caillés étaient horribles; la chair bourgeonnait, remontait sur la tête du clou et leurs doigts crispés contredisaient le geste implorant des mains, maudissaient, griffaient presque, avec la corne bleue de leurs ongles, l'ocre du sol, ...

[ Editiert von Consus am 08.08.07 23:11 ]

Consus Offline




Beiträge: 49

09.08.2007 13:53
#4 RE: Joris-Karl Huysmans (1848-1907) antworten

Huysmans' Roman Lá-Bas ordnete ich leider versehentlich dem Unterthema Maupassant zu. Es wäre schön, wenn die Administratoren bzw. Moderatoren hier für Ordnung sorgen könnten.
---
edit: gesagt, getan. Leselust
---

[ Editiert von Administrator Leselust am 09.08.07 19:12 ]

Consus Offline




Beiträge: 49

09.08.2007 15:39
#5 RE: Joris-Karl Huysmans (1848-1907) antworten

Joris-Karl Huysmans veröffentlichte 1898 seinen Roman La Cathédrale. Als ich das Buch las, war ich weniger von der Handlung fasziniert: Der Hauptheld – er heißt übrigens wieder Durtal wie in Là-Bas – sucht seelischen Frieden in der geistigen Atmosphäre von Chartres, vermag es aber nicht, sich ganz der religiös-kontemplativen, asketischen Lebensweise fern vom Getriebe der Welt hinzugeben. Was mich besonders beeindruckt hat, war die detailreiche Darstellung und Interpretation der gewaltigen Kathedrale von Chartres, dieses allumfassenden Symbols des mittelalterlichen Kosmos. So ist für mich dieser Roman vornehmlich ein kunsthistorisches Kompendium, in dem allerdings über die Erklärung baugeschichtlicher und architektonischer Besonderheiten hinaus etwas vom Geiste der Mystik spürbar ist.
Hier eine Stelle aus dem 9. Kapitel (das Französische ist wohl gut verständlich):
"En somme, l'oeuvre architectonique de Chartres se divise, extérieurement, en trois grandes parties qui sont décrétées par trois grands porches. Le porche de l'Occident, dit porche Royal, qui est l'entrée solennelle du sanctuaire, entre les deux tours; le porche du Nord attenant à l'évêché et précédé de la flèche neuve; le porche du Midi, flanqué de la vieille tour.
Or, les sujets traités par le porche Royal et par le porche Sud sont similaires; l'un et l'autre célèbrent le triomphe du Verbe, avec cette différence qu'au portail Méridional, Notre-Seigneur n'est plus seulement exalté par Lui-même, ainsi qu'au portail de l'Occident, mais aussi dans la personne de ses élus et de ses saints.
Si, à ces deux sujets qui peuvent se réunir en un seul, le Sauveur glorifié en Lui-même et dans les siens, nous ajoutons le panégyrique de la Vierge que prononce le portail du Nord, nous aboutissons à ces fins: à un poème chantant la louange de la Mère et du Fils, publiant la raison d'être de l'Église même."

Consus Offline




Beiträge: 49

09.08.2007 23:37
#6 RE: Joris-Karl Huysmans (1848-1907) antworten

Ein Hinweis auf Huysmans' Roman À rebours (Gegen den Strich), erschienen 1884, - Hauptfigur ist ein dekadenter Vertreter der Fin-de-siècle-Welt - erfolgte im Forum www.e-latein.de unter der Adresse http://www.latein.at/forum/viewtopic.php?t=24459

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

08.06.2008 13:38
#7 RE: Joris-Karl Huysmans (1848-1907) antworten

Ganz unten lese ich gerade mit großer Faszination (aus Faulheit in der Übersetzung, die trotz einiger Gallizismen gut ist). Wirklich meisterhafte Beschreibungen ganz verschiedener Dinge und Menschen lassen immer schärfer den grauenhaften Verlauf der Geschichte ahnen. Vielen Dank für den Hinweis auf dies Buch!

 Sprung  
Xobor Forum Software ©Xobor.de | Forum erstellen