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Leselust Offline



Beiträge: 2.098

19.08.2007 18:41
RE: Wilhelm Hauff (1802-1827) antworten

Dem jungen, frischen, farbenhellen Leben,
Dem reichen Frühling, dem kein Herbst gegeben,
Ihm lasset uns zum Todtenopfer zollen
Den abgeknickten Zweig - den blüthevollen!

Ludwig Uhland
auf Wilhelm Hauffs Tod

Als Wilhelm Hauff knapp 25jährig, wenige Tage nach der Geburt seiner Tochter, starb, war das ein Schock für die gesamte Dichterwelt der Romantik. Die Teilnahme ging sinnvolle Wege für Hinterbliebenen: der König von Württemberg beschloß - lange ehe es ein allgemeines Copyright gab - ein Privilegium auf zwölf Jahre gegen den Nachdruck seiner Werke, so daß der Unterhalt der Witwe und der Tochter gesichert war.
Gustav Schwab, Ludwig Uhland und viele Freunde und Dichterkollegen geleiteten den Sarg.

Hoffmann hatte für seine kurze Lebenszeit ein enormes Werk geschaffen. Dabei versuchte er sich zwar auch in der Lyrik, seine höchste dichterische Qualität entwickelte er aber in der Prosa. Am bekanntesten sind wohl seine Märchen, die er in verschiedenen Rahmenhandlungen zusammenfaßte.
Die Karawane beschreibt eine Gruppe von Kaufleuten, die in der Wüste auf überraschende Weise vor einem Überfall durch Räuber gerettet wird. Die Kaufleute vertreiben sich die Zeit durch Erzählen von Märchen und Geschichten. Eine Auflösung des Ereignisses in der Wüste steht am Schluß.
Der Scheik von Alexandria und seine Sklaven gibt den Märchen ein orientalisches Gewand; der Scheik, der um seinen verschollenen Sohn trauert, läßt sich von seinen Sklaven Geschichten erzählen. Eine der Geschichten, Der junge Engländer oder der Affe als Mensch, ist eine hochkomische Gesellschaftssatire, die bestimmte Formen der albernen Schickeria aufs Korn nimmt. In einer anderen Geschichte dieses Zyklus, Abner, der Jude, der nichts gesehen hat, zeigt scheinbar auch Hauff im Fahrwasser des Antisemitismus, der in der Romantik aus dem etablierten Antijudaismus entstand. Beim näheren Hinsehen jedoch merkt man, daß der kluge, scharf beobachtende Abner von seiner weniger gescheiten, aber sozial höherstehenden Umwelt schlecht behandelt wird und am Ende "selbst schuld" sein soll - ich bin mir nicht sicher, wen die Geschichte eigentlich verspottet, möchte aber zu Hauffs Gunsten annehmen, daß sie ein bitterer Hohn über die Antisemiten ist.
Das Wirtshaus im Spessart ist eine zwielichtige Unterkunft, in der sich verschiedene Reisende treffen und einander, als sie feststellen, einer Bande in die Hände gefallen zu sein, im verrammelten Zimmer Geschichten erzählen, um sich wachzuhalten. Daß sie nebenbei die Räuber überwinden und Zusammenhänge ihrer Lebensgeschichten erkennen, versteht sich für die Romantik von selbst.
Die meisten Märchen stammen nicht ursprünglich von Hauff, er hat ihnen aber mit Witz und Fabulierfreude sein unverwechselbares sprachliches Gewand verliehen.
Die Novelle Jud Süß basiert auf dem Justizskandal, dessen Opfer Josef Süß Oppenheimer war. Dabei sieht Hauff zwar klar, daß das Urteil ungerecht war, läßt aber zugleich Oppenheimer insbesondere und die Juden im allgemeinen als höchst zwielichtige Menschen auftreten und trennt strikt zwischen Juden und Christen. Erzähltechnisch ist die Geschichte stellenweis arg konstruiert. Die widerwärtige Verfilmung dieser Novelle ist die verheerende Folge eines literarischen Mißgriffs.
Hauffs übrige Novellen sind teilweise arg sentimental, aber geschickt geschrieben und spannend. Es ist jedoch kein Wunder, daß Hauffs Ruhm insbesondere auf seinen Märchen gründet (und nur schade, daß keineswegs alle davon so bekannt sind wie Das Wirtshaus im Spessart oder Der kleine Muck).

Meine persönliche Beziehung zu Hauffs Märchen hat eine eines Romantikers würdige Geschichte. Meine Mutter hatte mir schon mehrere dieser Märchen vorgelesen, als ich mit acht Jahren wieder einmal bat, ich wolle "was von Hauff hören". Sie hatte keine Zeit und verwies mich ans Bücherregal. (So lernte ich Fraktur lesen, denn die Ausgabe, die noch heute bei ihr steht, stammt aus dem 19. Jh.) Die Bücher hatten in einer zugenagelten Kiste gelegen, und der mittlere Band wies ein dickes Nagelloch im Rücken auf, das glücklicherweise die Schrift nicht beschädigte, aber eindrucksvoll genug war. Eben dieser Band enthielt Die Geschichte vom Gespensterschiff, eine orientalisierende Fassung der Sage vom Fliegenden Holländer. In dieser Geschichte ist der geisterhafte Capitano des Schiffes mit einem durch die Stirn geschlagenen Nagel an den Mast geheftet. Die eindrucksvoll-gruselige Schilderung und das Schicksal genau dieses Buches sind für mich untrennbar verbunden.

[ Editiert von Administrator Leselust am 19.08.07 19:03 ]

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