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Leselust Offline



Beiträge: 2.098

11.11.2007 19:07
RE: Henryk Ibsen (1828-1906) antworten

Ibsen ist als naturalistischer Dramatiker bekannt. Seine Stücke handeln von viel menschlicher Gemeinheit und wenig menschlicher Größe - dies alles in psychologisch stimmigen Geschichten von Menschen, die mit ihrem Scheitern nicht umgehen können und einen Schutzwall aus Lügen um sich bauen. Die Wildente, diese traurige Geschichte einer Lebenslüge (das Wort stammt von Ibsen) und ihrem tragischen Zusammenbruch auf Kosten eines Kindes, ist für mich eines der eindrucksvollsten und besten Stücke realistischer Literatur, sicher auch deshalb, weil ich es als Jugendliche in einer hervorragenden Inszenierung sehen durfte.
Ein ganz untypisches Ibsen-Stück scheint Peer Gynt, das an die nordische Mythologie anlehnende Märchenstück in Knittelversen (die Christian Morgenstern übersetzte). Aber auch unter norwegischen Dämonen und der nordischen Penelope, der treuen Solveig, bleibt Ibsen sich treu; die Geschichte des wilden, getriebenen, unsteten Peer Gynt, der am Ende durch die Liebe seiner Solveig gerettet wird, ist auch eine durchaus realistisch anmutende Geschichte des zugleich phantasievollen und angeberischen Außenseiters, der keinen anderen Weg als Aufschneiderei, Lüge und Gewalt sieht vor der Übermacht der "ordentlichen Leute".
Die Sagen um Peer Gynt zeigen ihn als Jäger und Frauenhelden und lassen ihn immer wieder Abenteuer in der Geisterwelt bestehen. Bei Ibsen ist er auch eine Version des Faust I und II (auf den Ibsen des öfteren anspielt; im 4. Akt läßt er Peer Gynt sagen: "Und - ein geachteter Schriftsteller sagt es: / 'Das ewig Weibliche zieht uns an!'"). In Schuld geraten, muß Peer Gynt durch verschiedene Welten ziehen, die der Dämonen, der Verbannung, des Reichtums, des Ruhmes, des Wahns - getrieben von Allmachtsphantasien, gierig nach immer Neuem und am Ende nicht durch eigene Kraft, sondern durch die Liebe einer Frau gerettet. Am Ende des Stückes droht Ibsen in die Sentimentalität abzugleiten, bleibt aber bei genauem Hinsehen seiner psychologischen Deutung des Mythos treu: Solveig ist "das ewig Weibliche", das mütterliche Prinzip, bei dem Peer sich trotz aller Schuld bergen kann.

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