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Dieses Thema hat 2 Antworten
und wurde 1.617 mal aufgerufen
 hier wird vorgestellt und besprochen:
Consus Offline




Beiträge: 49

20.11.2007 13:18
RE: Jens Peter Jacobsen (1847 - 1885) antworten

Jens Peter Jacobsen (1847 – 1885), dänischer Schriftsteller. Ich werde hier nicht das notieren, was man in den gängigen Nachschlagewerken lesen kann, sondern den Autor mit Textbeispielen zu Worte kommen lassen.
Zunächst sei der Roman Niels Lyhne (1880), den auch Rilke sehr schätzte, vorgestellt. Schon der Anfang des Buches zieht uns in seinen Bann:
Sie hatte die schwarzen, strahlenden Augen der Bliders mit den feinen, schnurgeraden Brauen, sie hatte ihre stark ausgebildete Nase, ihr kräftiges Kinn, ihre üppigen Lippen. Den eigentümlich schmerzlich sinnlichen Zug um den Mundwinkel und die unruhigen Bewegungen mit dem Kopfe hatte sie auch geerbt, aber ihre Wangen waren bleich, und ihr seidenweiches Haar schloss sich sanft und glatt den Formen des Kopfes an.
Und der Schluss erzeugt einen gewaltigen Nachhall:
Niels’ Schmerzen wurden heftiger und heftiger, es hämmerte unbarmherzig in der Brust, ohne aufzuhören. Es wäre so schön gewesen, wenn er nun einen Gott gehabt hätte, zu dem er hätte klagen, zu dem er hätte beten können.
Gegen Morgen fing er an, zu phantasieren; die Entzündung war in vollem Gange.
Und so ging es noch zwei Tage und zwei Nächte weiter.
Das letztemal, als Hjerrild Niels Lyhne sah, lag er da und phantasierte von seiner Rüstung, und dass er stehend sterben wolle.
Und endlich starb er dann den Tod, den schweren Tod.


Die dazwischen liegenden Ereignisse bewegen sich auf einer gnadenlos absteigenden Kurve: von letztlich unerfüllter Liebe geprägte Beziehungen zu Frauen, dann aber doch Heirat, Tod der Frau und noch Schrecklicheres... So hat der Held des Romans allen Anlass, mit der Gottesfrage zu ringen, für die er Antwort im Atheismus Feuerbachscher Prägung findet. Aufschlussreich das Gespräch genau am Weihnachtsabend (9. Kap.). Ein Auszug daraus:
»Aber,« rief Niels Lyhne aus, »begreifen Sie denn nicht, dass an dem Tage, wo die Menschheit frei jubeln kann: »es gibt keinen Gott,« wie mit einem Zauberschlage eine neue Erde und ein neuer Himmel geschaffen würden? Erst dann wird der Himmel der freie, unendliche Raum eines drohenden Späherauges. Erst dann wird die Erde unser, und wir der Erde, wenn jene Welt der dunklen Seligkeit und der Verdammnis geplatzt ist wie eine Blase. Die Erde wird unser wahres Vaterland, unsere Herzensheimat, wo wir nicht wie fremde Gäste während einer kurzen Spanne sind, sondern all unsere Zeit. Und welche Intensität wird es dem Leben geben, wenn alles darin Raum finden muss, und nichts mehr jenseits liegt. Der ungeheure Strom von Liebe, der jetzt zu dem Gott emporsteigt, an den man glaubt, wird sich, wenn der Himmel leer ist, über die Erde ergießen, hin zu all den schönen menschlichen Eigenschaften und Gaben, die wir potenziert und dann die Gottheit damit geschmückt haben, um sie unserer Liebe wert zu machen. Güte, Gerechtigkeit, Weisheit, wer kann sie alle nennen? Begreifen Sie nicht, welchen Adel es der Menschheit verleihen wird, wenn sie frei ihr Leben leben und ihren Tod sterben kann, ohne Furcht vor Hölle oder Hoffnung auf den Himmel, nur sich selbst fürchtend, nur auf sich selber hoffend? Wie wird das Gewissen wachsen, und welche Festigkeit wird es geben, wenn tatenlose Reue und Demut nichts mehr sühnen können, und keine andere Vergebung möglich ist, als durch Gutes das Böse gutzumachen, das man mit Bösem verbrach.
Von den Novellen, die Jacobsen schrieb, hat mich am meisten Die Pest in Bergamo beeindruckt, zeigt sie doch, welche grauenhaften Veränderungen in Menschen vorkommen können, wenn Katastrophen über sie hereinbrechen. Man wird zu einem Vergleich mit Camus’ La Peste herausgefordert.

Zum Schluss eines seiner Gedichte:

Ewig und ohne Veränderung

Ewig und ohne Veränderung
Ist nur die Leere.
Alles, was war und was ist,
Des Lebendigen Heere
Keimen, sprossen, entstehen,
Wechseln, altern, vergehen.

Welten sind gewandert,
Wo Welten jetzt wandern,
Einst in den Zeiten
Kommen die andern.
Tod geweiht sind des Lebenden Heere,
Ewig ist nur die unendliche Leere.


(1875?).

Erschienen ist Jacobsens Werk u. a. in der Manesse Bibliothek der Weltliteratur.
---
editiert von Leselust: Kurz erwähnt wurde Jacobsen bereits hier.

[ Editiert von Administrator Leselust am 21.11.07 18:46 ]

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

22.08.2008 21:02
#2 RE: Jens Peter Jacobsen (1847 - 1885) antworten

Gestern habe ich den Niels Lyhne zu Ende gelesen und danke noch einmal für diesen hervorragenden Tip. Das Unheil kündigt sich ja schon auf den ersten Seiten als vage Drohung an, mehr zwischen als in den Zeilen, und spätestens nach der Hälfte des Buches ist überdeutlich, daß dies nicht gut ausgehen kann - und doch bleibt es packend. Mich hat fasziniert, mit welcher Deutlichkeit Jacobsen Krankheit und Verletzung beschreibt - da wird nichts beschönigt, aber der medizinisch-analytische Blick hat hier auch nichts Voyeuristisches: Mitleid ist dabei und Trauer über so sinnlosen Tod.

Consus Offline




Beiträge: 49

03.10.2008 11:56
#3 RE: Jens Peter Jacobsen (1847 - 1885) antworten

Orientalisches auch von einem skandinavischen Dichter und Schriftsteller:

Im Garten des Serails

Rosen senken die Häupter, schwer
Von Tau und Duft,
Und Pinien wehen so still und matt
In schwüler Luft.
Quellen wälzen die schwere Flut
In müder Ruh,
Minarette ragen im Türkensinn
Dem Himmel zu.
Und gleichförmig gleitet der Halbmond hin
Über das sanfte Blau,
Und er küsst der Rosen und Lilien Schar,
Jede Blumenau
Im Garten des Serails,
Im Garten des Serails.

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