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Dieses Thema hat 7 Antworten
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 Literaturgattung
Leselust Offline



Beiträge: 2.098

27.11.2007 09:29
RE: Ein Sonderfall der Romantik: Nonsense antworten

Der literarische Nonsense ist das anarchische Kind der Romantik, in Großbritannien beheimatet wie der Schauerroman - in beiden Genres geht es nicht mit rechten Dingen zu! -, aber auch in Brentanos Märchen begegnet er uns.
Nonsense folgt den Regeln der Sprache und Dichtung, oft (wie im Limerick) auf scheinbar pedantische Weise mit strengem Metrum - um dann eine Welt darzustellen, die so nicht sein kann.
Die deutsche Romantik hat auch Ansätze zum Nonsense; Brentano läßt einen Minister seine Arbeit aus Zorn niederlegen:
Gockel hängte seine Hühnerminister-Kleidung an das königliche Hühnerministerial-Zapfenbrett, legte alle die ihm aufgedrungenen Eierorden ab, den Orden der Schmeichelei und Heuchelei und befestigte seinen eigenen, Raugräflich Gockel Hanauischen Haus-Orden der Kinderei wieder in das Knopfloch der Jacke seines Großvaters, die er morgen früh anziehen wollte (…)
Natürlich ist jedes sprechende und menschlich handelnde Tier - die Märchen sind voll davon - ein Stück Nonsense; die britische Nonsens-Literatur aber hat eine unvergleichlich größere Freude am vollständig Sinnfreien.
Nonsense ist die anarchische Auflehnung gegen die Zwänge der physischen Welt. Edward Lear und Lewis Carroll waren Meister dieser Auflehnung; da heiratet die Eule die Katze, da sorgt sich ein Kaninchen, zu spät zu kommen (wohin, erfährt der Leser nicht), und im Gegensatz zum romantischen Märchen (von einigen Märchen Brentanos abgesehen) gibt es am Ende keine Auflösung - die Welt ist vollständig verrückt, findet euch damit ab. Vielleicht steckt eine tiefe Wahrheit im Nonsense: Wir sind aufgerufen, uns mit einer verrückten und verkehrten Welt nicht nur irgendwie, sondern lachend abzufinden.

Soulprayer Offline




Beiträge: 45

27.11.2007 21:27
#2 RE: Ein Sonderfall der Romantik: Nonsense antworten

Also ich hab da mal eine Frage, die ich schon immer mal über dieses Thema stellen wollte ^^

Warum sagt man "Nonsens" dazu und nicht "Surrealismus" ?

Nachtrag:
Ah, hast Du die Übersetzung von Enzensberger gelesen oder eine andere? Oder sogar original in Englisch?

~Björn

[ Editiert von Soulprayer am 27.11.07 21:49 ]

Auch das schlechteste Buch hat seine gute Seite: die letzte!
-John Osborne

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

28.11.2007 09:16
#3 RE: Ein Sonderfall der Romantik: Nonsense antworten

Der Nonsense ist als literarische Gattung in Großbritannien aufgekommen, übrigens zu einer Zeit, in der in Deutschland eine ziemliche Englandbegeisterung herrschte. Surrealismus bezeichnet die um einiges später entstandene Richtung der bildenden Kunst.
Die Übersetzung von Enzensberger kenne ich nicht (vielleicht stellst Du sie mal vor?), nur eine von "The Owl and the Pussy Cat" von Kästner (die ich nicht gut finde). Aber ich habe das Glück, auf Übersetzungen nicht notwendig angewiesen zu sein.

[ Editiert von Administrator Leselust am 28.11.07 9:18 ]

Consus Offline




Beiträge: 49

28.11.2007 13:14
#4 RE: Ein Sonderfall der Romantik: Nonsense antworten

Unter dem Titel "Edward Lears Kompletter Nonsens,Ins Deutsche geschmuggelt von Hans Magnus Enzensberger" erschien im Insel Verlag 1977 eine schon bibliophil zu nennende Ausgabe der Übersetzung der Gedichtchen mit den Zeichnungen des Engländers.
Kostprobe:
Es schnitt dieser Herr aus Tegel
sich mit der Säge die Nägel.
Ohne Erstaunen
verlor er zwei Daumen.
Das ist nichts Neues in Tegel.

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

07.03.2008 18:20
#5 RE: Ein Sonderfall der Romantik: Nonsense antworten

Dir, Consus, ist es zu danken, daß ich die Enzensbergersche Übertragung des Complete Nonsense nun doch kenne - und liebe. Auch Enzensbergers charmantes Gedicht über Edward Lear sowie die mit ebensoviel Witz wie Ernst geschriebene Biographie im Anhang sind höchst lesenswert!

[ Editiert von Administrator Leselust am 07.03.08 18:21 ]

Manny ( gelöscht )
Beiträge:

19.09.2008 02:43
#6 RE: Ein Sonderfall der Romantik: Nonsense antworten

Nonsense ist die anarchische Auflehnung gegen die Zwänge der physischen Welt. Edward Lear und Lewis Carroll waren Meister dieser Auflehnung; da heiratet die Eule die Katze, da sorgt sich ein Kaninchen, zu spät zu kommen (wohin, erfährt der Leser nicht), und im Gegensatz zum romantischen Märchen (von einigen Märchen Brentanos abgesehen) gibt es am Ende keine Auflösung - die Welt ist vollständig verrückt, findet euch damit ab. Vielleicht steckt eine tiefe Wahrheit im Nonsense: Wir sind aufgerufen, uns mit einer verrückten und verkehrten Welt nicht nur irgendwie, sondern lachend abzufinden.

Wie du das beschreibst, klingt das existentialistisch. Nun, ich will noch etwas zu Lewic Carroll sagen: Er war Logiker. Das heißt, er wusste viel aus Philosophie und Logik. Er spielt geschickt mit diesen Paradoxa:

Sie tut lauter unmögliche Dinge. Unmögliche Dinge kann man nicht tun.

Der Hutmacher riß die Augen weit auf, als er dies hörte; aber er sagte weiter nichts als: »Warum ist ein Rabe wie ein Reitersmann?« [63]
»Ei, jetzt wird es Spaß geben,« dachte Alice. »Ich bin so froh, daß sie anfangen Räthsel aufzugeben – Ich glaube, das kann ich rathen,« fuhr sie laut fort.
»Meinst du, daß du die Antwort dazu finden kannst?« fragte der Faselhase.
»Ja, natürlich,« sagte Alice.
»Dann solltest du sagen, was du meinst,« sprach der Hase weiter.
»Das thue ich ja,« warf Alice schnell ein, »wenigstens – wenigstens meine ich, was ich sage – und das ist dasselbe.«
»Nicht im Geringsten dasselbe!« sagte der Hutmacher. »Wie, du könntest eben so gut behaupten, daß ich sehe, was ich esse« dasselbe ist wie »ich esse, was ich sehe.«
»Du könntest auch behaupten,« fügte der Faselhase hinzu, »ich mag, was ich kriege« sei dasselbe wie »ich kriege, was ich mag!«
»Du könntest eben so gut behaupten,« fiel das Murmelthier [64] ein, das im Schlafe zu sprechen schien, »ich athme, wenn ich schlafe« sei dasselbe wie »ich schlafe, wenn ich athme!«


Ich zitiere nun Wittgenstein; die Hervorhebung ist zwar von mir, aber mit den Hervorhebungen habe ich hoffentlich genug zum Thema gesagt.

(aus dem Vorwort zum Tractatus logico-philosophicus)Das Buch behandelt die philosophischen Probleme und zeigt - wie ich glaube -, daß die Fragestellung dieser Probleme auf dem Mißverständnis der Logik unserer Sprache beruht. Man könnte den ganzen Sinn des Buches etwa in die Worte fassen: Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen.
Das Buch will also dem Denken eine Grenze ziehen, oder vielmehr - nicht dem Denken, sondern dem Ausdruck der Gedanken: Denn um den Denken eine Grenze zu ziehen, müßten wir beide Seiten dieser Grenze denken können (wir müßten also denken können, was sich nicht denken läßt).
Die Grenze wird also nur in der Sprache gezogen werden können und was jenseits dieser Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein.


In den Philosophischen Untersuchungen wird Caroll erwähnt, aber das ist nichts nennenswertes (Nr. 13).

Paul Watzlawick zitiert aus Alice im Wunderland, um damit seine Philosophie auf den Punkt zu bringen. Hier das Zitat:

(Seite 83, »Wie wirklich ist die Wirklichkeit?«)Die Situation ist archetypisch und reicht weit in den menschlichen Alltag hinein. Wir alle, jeder von uns auf seine Weise, befinden uns auf einer unablässigen, wenn auch oft ganz unbewußten Suche nach dem Sinn der uns umgebenden Geschehnisse, und wir alle neigen dazu, selbst hinter den verhältnismäßig unbedeutenden Vorfällen unseres täglichen Lebens das Wirken einer höheren Macht, sozusagen eines metaphysischen Versuchsleiters, zu sehen. Es gibt wohl nicht viele Menschen, die den Gleichmut des Königs in »Alice im Wunderland« besitzen, der es ihm ermöglicht, das unsinnige Gedicht des Weißen Kaninchens mit der philosophischen Bemerkung abzutun: »Wenn kein Sinn darin ist, so erspart uns das eine Menge Arbeit, den dann brauchen wir auch keinen zu suchen.

Im Kontext dieses Satzen könnte man noch annehmen, dass Carroll den Leser von zu übertriebener Ernsthaftigkeit zu läutern versucht (gerade am Beispiel der Königin, die unablässig ruft: "Kopf ab! Kopf ab!") (ein Fehler, den ich soeben begangen habe, naja).

Manny.

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

20.09.2008 21:27
#7 RE: Ein Sonderfall der Romantik: Nonsense antworten

Vielen Dank, Manny, für diesen Hinweis. Ja, der britische Nonsense ist wohl immer mit sense verbunden, weist in ungewöhnlicher Form auf Sprachlogik hin.
Eine kleine Abschweifung: ein deutscher Nonsense-Künstler des 20. Jhs. war Karl Valentin, über den der mein Philosophieprofessor Klaus Müller sagte: "Neben Wittgenstein ist Karl Valentin der größte Sprachphilosoph der Moderne, das ist ernst gemeint."

Manny ( gelöscht )
Beiträge:

21.09.2008 00:42
#8 RE: Ein Sonderfall der Romantik: Nonsense antworten

Hallo,

wenn Du Valentin erwähnst, gut, dann hast Du damit angefangen, vom Thema abzuschweifen.

Es gibt noch viele, viele mehr, die Nonsens schreiben: Douglas Adams, Michael Ende (Kater, der denkt, er sei Minnesänger, Reich-Raniki als "Büchernörgele", Der Spiegel im Spiegel), Walter Moers, China Mivielle (so ähnlich), Neil Gaiman.

Ich glaube auch, dass ich in etwa weiß, wie man auf so verrückte sachen kommt. Man nimmt ganz einfach Metaphern und ebnet sie in die von uns gewohnte Welt ein; man lässt sie sprechen.

Manny.

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