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Dieses Thema hat 5 Antworten
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Soulprayer Offline




Beiträge: 45

30.11.2007 22:41
RE: Friedrich Hölderlin (1770 - 1834) antworten

Friedrich Hölderlin wurde 1770 in Lauffen am Neckar geboren. Da beide Eltern theologische Berufe ausübten, studierte er mit Drängen seiner Eltern Theologie an der Universität Tübingen. Dort schloß er Freundschaft mit Hegel und Schelling, welche sich zu dritt gegenseitig beeinflussten.

Anfangs als Hauslehrer für vermögende Familien angestellt ist er Anfang 1794 nach Jena gekommen, um die Vorlesungen von Fichte beizuwohnen. Dort lernte er Goethe, Schiller und Fichte selbst kennen, bis er im Juni 1795 wieder nach Nürtingen zurückkehrte.

1796 nahm er abermals eine Stelle als Hauslehrer an, wo er seine große Liebe, Susette Gontard, kennenlernte. Als ihr Mann, Jakob Gontard - ein Frankfurter Bankier, von dieser Liebe erfuhr, gab er die Stelle auf und flüchtete nach Homburg. Irgendwann zwischen 1796 und 1800 diagnostizierte man Hypochondrie an ihm, welche sich 1800, nach seinem letzten Treffen mit seiner großen Liebe, verschlechterte. 1802 verschlechterte sich seine seelische Verfassung und wurde zu einer ernsten Krankheit, es bildeten sich erste Anzeichen einer Wahnvorstellung. Fünf Jahre später ist er so krank, daß er gepflegt werden musste - von da an wurde er von einer Tischlerfamilie, die ihn aufgenommen hat, bis zu seinem Tod im Jahr 1843 betreut.



Langezeit unbeachtet, ignoriert oder als Nachahmer Schillers beschimpft, bekam erst 1910 Friedrich Hölderlin die Beachtung, die er verdient hat.
Als einer der bedeutendsten Köpfe deutscher Literatur wurde er von Norbert von Hellingrath als wissenschaftliches Studienobjekt quasi aus dem Brunnen geholt und bekam durch dessen Dissertation über Nacht eine Renaissance: Hölderlin's eigene Art der Übersetzungen der Pindar-Fragmente (es handelt sich hierbei um choreographierte Kantaten vom Griechen Pindaros) wurden erstmals angemessen beurteilt und beschrieben.
In Folge wurden seine ganzen Werke neu beurteilt, denn Hölderlin's eigene metrisch freien Hymnen wurden maßgebend von seiner Pindar-Übersetzung geprägt. Er hatte ein sehr hohes Verständnis der altgriechischen Kultur und wollte das Ungewöhnliche aus dem ursprünglichen Textes zu erkennen geben. So wurden auch seine Übersetzungen zu den Dramen "Ödipus" und "Antigone" von Sophokles neu gedeutet und zu einem bedeutendem Teil seines Lebenswerk.

Angefangen hat Friedrich Hölderlin mit Hymnen in Reimform; in Folge schrieb er Elegien (das bekannteste wohl "Menons Klagen um Diotima") und bis zum Ende seines Schaffens wurden seine Werke immer dunkler und klammer.

In seinem Briefroman "Hyperion" organisierte er alles Unversöhnliche: Natur, Geschichte und Kunst wird mit seiner poetischen Lyrik mit Individualismus und Gemeinschaft verbunden; es entstand das Ideal der Einheit. Der Wunsch der Harmonie mit seiner Umwelt, vor allem der Natur und Freiheit, wird in diesem Werk deutlich.
Im Werk "Der Tod des Empedokles" greift Friedrich Hölderlin dieses Ideal wieder auf, um die Geschichte um Empedokles wiederzugeben. Er statuierte die "schuldlose Schuld" an jenem Naturphilosophen, was ihm immer noch Kritik in heutiger Zeit einbringt.

Auch das schlechteste Buch hat seine gute Seite: die letzte!
-John Osborne

Consus Offline




Beiträge: 49

01.12.2007 17:03
#2 RE: Friedrich Hölderlin (1770 - 1834) antworten

Schön, dass hier Hölderlins gedacht wird: wahrlich ein Grund, u. a. auch wieder den „Empedokles“ in die Hand zu nehmen.

Empedokles soll sich einer Sage nach in den Krater des Ätna gestürzt haben, um mit der Natur eins zu werden. Seine letzten Worte aus der Feder Hölderlins:


Ich komme. Sterben? nur ins Dunkel ist's
Ein Schritt und sehen möchtest du doch, mein Auge!
Du hast nun ausgediehnt, dienstfertiges!
Es muß die Nacht jetzt eine Weile mir
Das Haupt umschatten. Aber freudig quillt
Aus mut'ger Brust die Flamme. Schauderndes
Verlangen! Was? am Tod entzündet mir
Das Leben sich zuletzt, und reichest du
Den Schreckensbecher mir, den gärenden,
Natur! damit dein Priester noch aus ihm
Die letzte der Begeisterungen trinke!
Zufrieden bin ich, suche nun nichts mehr
Denn meine Opferstätte. Wohl ist mir.
O Iris Bogen! über stürzenden
Gewässern, wenn die Wog' in Silberwolken
Auffliegt, wie du bist, so ist meine Freude!
- - - - - - - - -

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

01.12.2007 23:58
#3 RE: Friedrich Hölderlin (1770 - 1834) antworten

Meine erste Berührung mit Hölderlin geschah vor 25 Jahren durch den Brief einer Freundin, in dem sie mir dies Gedicht zitierte. Das Gedicht hat mich nie verlassen; ich lernte es sofort auswendig.
Zu meinen derzeit liebsten Hölderlin-Gedichten gehört

Hyperions Schicksalslied

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien !
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.

Soulprayer Offline




Beiträge: 45

02.12.2007 12:41
#4 RE: Friedrich Hölderlin (1770 - 1834) antworten

Freut mich, daß ihr meinen Artikel so positiv aufnehmt :-)

Auch das schlechteste Buch hat seine gute Seite: die letzte!
-John Osborne

Gemini Offline




Beiträge: 11.569

06.12.2007 11:50
#5 RE: Friedrich Hölderlin (1770 - 1834) antworten

Hölderlin schätze ich seit der Schulzeit. Wohl, weil ich eine "romantische" Ader hatte und mich sein Schicksal dauerte und auch, weil ich für seine Epoche ein besonderes Interesse habe.
Dehalb möchte ich "mein" Hölderlinsches Gedicht vorstellen:

Die Eichbäume

Aus den Gärten komm' ich zu euch, ihr Söhne des Berges!
Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich,
Pflegend und wieder gepflegt mit dem fleißigen Menschen zusammen.
Aber ihr, ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen
In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,
Der euch nährt' und erzog, und der Erde, die euch geboren.
Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen,
Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel,
Unter einander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute,
Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken
Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet.
Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels
Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen.
Könnt' ich die Knechtschaft nur erdulden, ich neidete nimmer
Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben.
Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich,
Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd ich unter euch wohnen!

Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

02.10.2008 22:22
#6 RE: Friedrich Hölderlin (1770 - 1834) antworten

Hier mein Hölderlinsches Lieblingsgedicht; es gehört zu den Gedichten, die mir früh, noch halb verstanden, ans Herz gewachsen sind.

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

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