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Dieses Thema hat 1 Antworten
und wurde 575 mal aufgerufen
 Hier wird vorgestellt und besprochen:
Leselust Offline



Beiträge: 2.098

04.12.2007 21:43
RE: Jean Richepin (1849-1926) antworten

Er war das enfant terrible der französischen Romantik, derb bis zur Vulgarität (was ihn mit dem Gesetz in Konflikt brachte), heiter-erotisch, zuweilen sozialkritisch - er konnte aber auch äußerst zarte Gedichte schreiben. Heute ist Richepin weitgehend vergessen; es gibt eine kleine Liebhaber-Gemeinde, aber selbst vielen hochgebildeten Franzosen ist er unbekannt.
Er schrieb neben Gedichten auch Stücke und Romane; mir sind einstweilen leider nur die Gedichte bekannt. Einige habe ich übertragen und stelle sie hier vor. Das erste Gedicht habe ich ein Jahr vor dem Tod meines Vaters übertragen und meinen Eltern zu Weihnachten geschenkt.

Im Zyklus Mes Paradis / Meine Paradiese lesen wir:

Je connais deux vieillards qui se diesent je t‘aime
Comme aux jours printaniers où chantaient leurs vingt ans:
Leur vie est une fugue avec ce simple thème.

Sur l‘orgue aux flûtes d‘ange, aux clairons éclatants,
Ils ont su varier le thème en cent manières,
Passant par tous les tons, rythmé par tous les temps.

Toujours on reparu les notes printanières.
Ce n‘est plus aujourd‘hui l‘allégro des baisers.
O modulations d‘andante, les dernières!

Mais le thème y revient en accords appaisés.

---

Ich kenne zwei Alte, die sagen, „Ich liebe dich“, heute
so wie in den Tagen der singenden Jugend des Frühlings:
Ihr Leben ist über dies schlichte Motiv eine Fuge.
Sie konnten dies Thema wohl hundertmal variieren
mit himmlischen Flöten und schmetternden Hörnern der Orgel,
und gingen durch Dur und durch Moll und durch allerlei Rhythmen.
Die Noten des Frühlings sind immer von Neuem erklungen.
Zwar ist das Allegro der Küsse vorbei und vergangen...
es klingt das Andante mit letzten Modulationen!
Doch wieder erklingt das Motiv in Akkorden des Friedens.

---

Respectons les vieux, les bons vieux,
Qui n'ont pas la mine sévère
Ni dégoûtante, ni les yeux
Comme une glande salivaire,
Qui savent encor boire un verre
Et tiendront des propos gaillards
A la barbe de leur suaire.
Ces vieux ne sont pas des viellards.

Ceux-là ne sont pas ennuyeux.
Jamais leur bouche ne profère
Que les vieilles gens sont des dieux.
Ils ne posent pas au calvaire,
Ne veulent pas qu'on les révère,
Mais disent: „Soyez fous, paillards,“
Faites ce qu'on nous a vus faire.“
Ces vieux ne sont pas des viellards.

Ce sont des amis, ces aïeux.
Voilà ceux que je persévère
A bénir, choyer, de mon mieux.
Quoi qu'ils disent, je réponds vère.
O les chers vieux, doux et raillards,
Qu'à bien des jeunes je préfère!
Ces vieux ne sont pas des viellards.

Prince, à ceux-là, sois leur trouvère,
Et, pleurant, sur leurs corbillards
Mets la rose et la primevère.
Ces vieux ne sont pas des viellards.

---
Achten wir die Alten, die guten,
Die die Welt nicht mit strenger Miene
Und voll Widerwillen betrachten,
Nicht mit Augen wie Speicheldrüsen,
Die auch noch einen heben können,
Die noch lustige Pläne schmieden
Vor der Nase des Totengräbers.
Alte sind es, doch keine Greise.

Diese Alten sind nicht verdrossen.
Niemals hört man aus ihrem Munde,
Alte Leute seien schier Götter.
Niemals tun sie sich groß mit Leiden,
Niemals wollen sie gläubig verehrt sein,
Sondern sagen: „Seid geil und närrisch,
Tut, was man uns selbst hat tun sehen.“
Alte sind es, doch keine Greise.

Freunde sind die besagten Ahnen.
Ja, beharrlich will ich sie segnen,
Will nach Kräften auf Händen sie tragen.
Ich bin Archivar ihrer Worte.
Was sie sagen, ich wills verbürgen.
Teure Alte, so sanft und spaßhaft,
Mir viel lieber als manche Jungen!
Alte sind es, doch keine Greise.

Fürst, sei ihnen ein Minnesänger,
Und, wenn du weinst an ihren Särgen,
Leg drauf Rosen und Schlüsselblumen.
Alte sind es, doch keine Greise.

---

Zum Schluß noch ein winterliches Gedicht, auch in meiner Übertragung; Ihr findet es hier.

Consus Offline




Beiträge: 49

04.12.2007 21:54
#2 RE: Jean Richepin (1849-1926) antworten

Nicht viele Worte!
Wie schön durch das Erlesene Neues kennen zu lernen!
Habe vorher noch nie etwas von diesem Dichter gehört...
Leselust sei Dank!

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