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Dieses Thema hat 8 Antworten
und wurde 2.119 mal aufgerufen
 Hier wird vorgestellt und besprochen:
Consus Offline




Beiträge: 49

09.01.2008 13:35
RE: Wilhelm Busch (1832-1908) antworten

Heute vor hundert Jahren starb Wilhelm Busch. Statt über ihn etwas zu sagen, soll er selbst zu Wort kommen mit dem folgenden Gedicht aus dem Jahre 1899:

Wiedergeburt

Wer nicht will, wird nie zunichte,
Kehrt beständig wieder heim.
Frisch herauf zum alten Lichte
Dringt der neue Lebenskeim.
Keiner fürchte zu versinken,
Der ins tiefe Dunkel fährt.
Tausend Möglichkeiten winken
Ihm, der gerne wiederkehrt.
Dennoch seh ich dich erbeben,
Eh du in die Urne langst.
Weil dir bange vor dem Leben,
Hast du vor dem Tode Angst.

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

09.01.2008 14:33
#2 RE: Wilhelm Busch (1832-1908) antworten

Danke, Consus, daß Du an diesen witzigen, mitunter auch boshaften, aber meist im Grunde freundlichen Zeichner und Dichter erinnerst.

Immerfort

Das Sonnenstäubchen fern im Raume,
Das Tröpfchen, das im Grase blinkt,
Das dürre Blättchen, das vom Baume
Im Hauch des Windes niedersinkt -

Ein jedes wirkt an seinem Örtchen
Still weiter, wie es muß und mag,
Ja, selbst ein leises Flüsterwörtchen
Klingt fort bis an den Jüngsten Tag.

Gemini Offline




Beiträge: 11.569

10.01.2008 13:47
#3 RE: Wilhelm Busch (1832-1908) antworten

Schön Consus, dass Du an ihn erinnert hast, an seinem 100. Todestag sollte er auch geehrt werden. Ich glaube kaum einer, naja, vielleicht die Grimms, hat es zu einer solch andauernden weltweiten Popularität gebracht wie er.

Es wohnen die hohen Gedanken
In einem hohen Haus.
Ich klopfte, doch immer hieß es:
Die Herrschaft fuhr eben aus!


Nun klopf ich ganz bescheiden
Bei kleineren Leuten an.
Ein Stückel Brot, ein Groschen
Ernähren auch ihren Mann.


mit diesem Gedicht leitete er seinen Gedichtband "Kritik des Herzens" ein.

Ich möchte hier auch auf seine Prosawerke hinweisen, die ja relativ unbekannt sind.

Eduards Traum

Der Schmetterling

von mir über mich

Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

18.01.2008 13:55
#4 RE: Wilhelm Busch (1832-1908) antworten

Obwohl ich Busch als skurrilen Zeichner und als Autor der "Frommen Helene" schätze - und trotz des von mir zitierten Gedichts - stößt er bei mir nicht auf die größte Liebe. Was ich neulich zu bequem war in Worte zu fassen, hat inzwischen mein hervorragender Bruder Wolfgang in Form eines Leserbriefes an die Berliner Zeitung getan, die ein beachtliches Quantum Weihrauch zu Buschs Gedenken aufflammen ließ.
Mit seiner Einwilligung zitiere ich:

"Bei uns steht Busch hoch oben im Regal, nix für Kinder! Oder möchten Sie, das solch klassische deutsche Dichtung auswendig gelernt wird:

z.B. Fünftes Kapitel Plisch & Plum:

Kurz die Hose und der Rock,
Krumm die Nase und der Stock,
Augen schwarz und Seele grau,
Hut nach hinten,Miene schlau-
So ist Schmulchen Schievelbeiner.
(Schöner ist doch unsereiner!)

Um das politisch in den Zusammenhang zu bringen, noch etwas "Pater Filucius" lesen! Ein bieder-brutaler Michel nebst Base Angelika gegen freie Presse, Jesuiten, Franzosen und Sozialisten...gemeinsam mit Lehr- Wehr- und Nährstand prügelt er sie in die Flucht.
Da lacht der Corpsstudent! Wer kann solche "Stellen" lesen und bei Tobias Knopp beifällig schmunzeln und sagen naja , die Zeiten warn halt andere, war trotzdem ein großer Mann!?(und ausserdem der Pate der herben Erziehung jugendlicher Missetäter!?)Ein wütender Reaktionär und Antisemit, heute fest verankert im deutschen "Bildungskanon",so lebt er weiter als Autor gern zitierter Verse bei gutbürgerlichen Anlässen aller Art.
Die Sorte Bürger hat Degenhardt meisterlich beschrieben.
"Schinkenspeckgesichter lachen treuherzig, weil Knochen krachen"
Also bitte ehrendes Gedenken nur wem es gebührt!"


© für den Leserbrief: Wolfgang Sperlich

[ Editiert von Administrator Leselust am 18.01.08 13:59 ]

Gemini Offline




Beiträge: 11.569

18.01.2008 14:49
#5 RE: Wilhelm Busch (1832-1908) antworten

Dein Bruder hat dort aufgeführt, was einige Leute empfinden.
Liest oder hört man ja öfter, den Vorwurf von gefühllosem Sadismus, Antisemitismus oder sogar Frauenhass .
Aber dabei wird nicht berücksichtigt, dass er seine Umwelt durch Übertreibungen karikiert.
Und er nimmt sie alle dran, die Spießbürger seiner dörflichen Umgebung, zu denen eben auch ein Jude gehört, ungezogene Kinder, prügelnde Eheleute, versoffene Pfarrer, scheinheilige Betschwestern und Tierquäler, aufgeblasene Schwadronierer.
War er ein Antisemit?
Der Nachsatz im Schmulchen-Schiefelbeiner-Vers macht ihn ja ironisch.
Ich glaube, in Eduards Traum findet man am ehesten eine Antwort auf diese Frage:

Hier die ironische Beschreibung des unglücklichen Fallschirmspringers, welcher hängenbleibt:

Zitat
og ich nach dem Nymphengarten, wo vor versammelten Zuschauern ein Ballon in die Lüfte stieg.
Der großartige Anblick brachte plötzlich einen kleinen Plan in mir zur Reife, den ich längst schon gehegt hatte. Ich wollte doch eben mal nachsehn, ob die Welt eigentlich ein Ende hätte oder nicht.
Pfeilschnell stieg ich auf und befand mich sogleich in unmittelbarer Nähe des Ballons. Wir schwebten über der Stadt. Den Fallschirm in kundigen Händen, sprang der Luftschiffer aus der Gondel. Der Schirm versagte; und der kühne Aeronaut, soeben noch schnell nach oben strebend, strebt nun noch schneller nach unten mit einer zunehmenden Geschwindigkeit, die er kaum selber zu ermessen vermag. Er setzt sich auf den spitzigen Blitzableiter der Synagoge. Er zappelt unwillig mit Händen und Füßen, denn er war Antisemit. Dann ließ er nach und gab sich zufrieden. -
Ja, meine Lieben! Im ersten Augenblick ist einem manches nicht angenehm, aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alles.

Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

18.01.2008 16:09
#6 RE: Wilhelm Busch (1832-1908) antworten

Trotzdem bleibt für mich ein schaler Nachgeschmack - denn die Sympathen, die es bei Busch ja auch gibt, sind nie Juden, nie fortschrittlich, nie so etwas Anrüchiges wie Reporter der freien Presse. Und die Bösewichte sind nicht deshalb böse, weil sie gegen die freie Meinung Sturm laufen oder Juden und Sozialisten hassen oder kleine Übeltäter verhauen. Der Spott über den spießigen Junggesellen Tobias Knopp oder den biederen Lehrer Lempel ist viel freundlicher als der über die in Wolfgangs Leserbrief Genannten.
Ich weiß zwar aus eigener Erfahrung, daß man nicht automatisch zum Antisemiten mutiert, wenn man als Kind Wilhelm Busch liest. Aber ich kann den Leserbrief nachvollziehen.

[ Editiert von Administrator Leselust am 18.01.08 16:10 ]

Gemini Offline




Beiträge: 11.569

22.01.2008 17:32
#7 RE: Wilhelm Busch (1832-1908) antworten

Nun ja, ich verstehe die Argumente auch, aber der Fakt selbst erschüttert mich eigentlich nicht.
Klar habe ich auch einen Zensor in mir, der mich deshalb Plisch und Plum nicht zum Vortrag bringen lässt,weil ich ja nicht steuern kann, wie das beim Hörer aufgenommen wird. Genauso, wie ich nie das Grimmmärchen "Der Jude im Dorn" vortragen würde, meinen Kindern auch nie erzählt hatte.

Stimmt, in Pater Filucius findet man seine politischen Vorstellungen in Comicmanier aufgearbeitet. War er doch bekennender Bismarkianer. Für mich ist das Ding ein Spiegel des kleinbürgerlichen Zeitgeistes, und das finde ich eigentlich interessant.
Ich mache mir gerade Gedanken über einen Nachruf, der den Fassetten der Persönlichkeit in jeder Hinsicht gerecht wird.
Wenn der fertig ist, stelle ich den hier mal zur Diskussion (dauert aber noch)

Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny

Gemini Offline




Beiträge: 11.569

27.09.2008 10:32
#8 RE: Wilhelm Busch (1832-1908) antworten

ich bin beim Arbeiten nicht unbedingt die Schnellste und verzetteln mich auch oft, aber ich bin an dem Thema geblieben, es hat sich sogar erweitert, zur Ursachenforschung des Antisemitismus im 19.Jahrhundert.
Jedenfalls, habe ich u.a. einen das Thema Busch und Antisemitismus betreffenden Artikel von Robert Gernhardt gefunden, den ich hier einkopiere (weil links so schnell ins Leere gehen)
muss nur schnell die Umlaute korrigieren, hoffentlich erwische ich alle

hier das Orginal zu finden:
http://www.literaturkritik.de/pu...& ausgabe=200309


Schöner ist doch unsereiner
Kommentar zur Gesamtausgabe der Werke von Wilhelm Busch nebst Klärung der Frage: War dieser Autor ein Antisemit
Von Robert Gernhardt
Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vor mir liegen drei Bände. Jeder wiegt schwer - 4,5 Kilogramm -, jeder ist groß - 26 mal 30 Zentimeter -, und jeder ist dick - so um die 950 Seiten.
Alle drei zusammen enthalten ein Werk, das nicht gerade im Ruche der Schwergewichtigkeit steht, obwohl ihm mittlerweile fast durchweg Größe attestiert wird:
die Bildergeschichten von Wilhelm Busch in einer "Historisch-kritischen Gesamtausgabe".
Elf Jahre lang hat Hans Ries unter Mitarbeit von Ingrid Haberland an diesem Trumm gearbeitet. "Wissenschaft und Busch-Freunde verfügen mit dieser Ausgabe nunmehr über das verbindliche Referenzwerk", schreibt Herwig Guratzsch im Vorwort nicht ohne Stolz, war er es doch, dem es 1991 als Leiter des Wilhelm-Busch-Museums zu Hannover gelungen war, "diese Ausgabe zu initiieren".
Ein beeindruckendes Werk. Neben "sämtlichen Bildergeschichten und Zeitschriftenbeiträgen" enthalten die Bände Fußnoten und einen opulenten Kommentar- und Apparatteil.
Es gibt unendlich viel zu sehen, zu lesen und zu lernen. Auch zu kritisieren?

Das soll eine Stichprobe klären, deren Ansatzpunkt ich Salomon Korn, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Frankfurts, verdanke.
Er hatte mich im Vorfeld einer Matinee unter Hinweis auf Wilhelm Buschs "Fromme Helene" gefragt, wie ich es denn mit Buschs Antisemitismus halte: "Und der Jud mit krummer Ferse, / Krummer Nas und krummer Hos' / Schlängelt sich zur hohen Börse / Tiefverderbt und seelenlos."
Aber das sei doch ein Rollengedicht, gab ich zu bedenken, und zitierte nun meinerseits den Anfang des "Ersten Capitels": "Wie der Wind in Trauerweiden / Tönt des frommen Sängers Lied" - da rede nicht Busch, sondern eine Karikatur eines Stadt- und Fortschrittsfeindes.
Doch dann nahm die Matinee ihren Lauf, und die Frage blieb im Raum stehen.

Wimmelnde Ameisen

Seither hängt die Antwort in der Luft, was die naheliegende Frage aufwirft, ob die "Gesamtausgabe" etwas dazu beitragen kann, den Fall zu klären: War Wilhelm Busch ein Antisemit? Dreimal tauchen in seinen Bildergeschichten Juden auf, und da es der Zufall so gefügt hat, dass sich diese Auftritte auf je ein "Frühwerk", ein Werk der "Reifezeit" und ein "Spätwerk" verteilen, werde ich meine Sonde in jeden der drei Bände senken können und müssen.

Im Jahr 1860 erschien in den "Fliegenden Blättern" ein Beitrag, der rasch berühmt wurde und bis auf den heutigen Tag meist Busch zugeschrieben wird, das "Naturgeschichtliche Alphabet".
Der 28-Jährige war jedoch lediglich der Illustrator, nicht der Verfasser jener Nonsensverse, die mit A beginnen - "Im Ameisenhaufen wimmelt es, / Der Aff' ißt gern, Verschimmeltes" -, um folgerichtig mit Z zu enden: "Die Zwiebel ist des Juden Speise, / Das Zebra trifft man stellenweise."
Die Gesamtausgabe verwendet viel Scharfsinn darauf, den Verfasser dieser Zeilen ausfindig zu machen - es war der Kunststudent Friedrich Carl Adams aus Detmold -; zum Buchstaben Z stellt eine Fußnote lediglich fest: "Die beiden Schlusszeilen werden im B�chmann unter den geflügelten Worten geführt."

Ohne Buschs bewusst naiv bis pseudodilettantisch gehaltene Bebilderung wäre das "Alphabet" vermutlich vergessen, wobei sein kauender Jude in einer Reihe steht mit Karikaturen nichtjüdischer Zeitgenossen: der des tumben Bauern, des unfähigen Jägers und des ruchlosen Metzgers.
Die Ausgabe war in diesem Fall gut beraten, den Prozess wegen Antisemitismus gar nicht erst zu eröffnen.

Der zweite Fall findet sich in der bereits erwähnten "Frommen Helene", 1872 erschienen und nach "Max und Moritz" Wilhelm Buschs erfolgreichste Bildergeschichte.
"Lenchen kommt auf's Land" ist das erste Kapitel überschrieben, und ein "frommer Sänger" malt zunächst die Stadt schwarz in schwarz, bevor er das Gegenbild beschwört: "Komm auf's Land, wo sanfte Schafe / Und die frommen Lämmer sind". Die Stadt dagegen ist voller Wölfe. Da tut die "sittenlose Presse" schon in früher Stund "sündliche Exzesse" kund, da putzt man den "irdschen Leib", um leichtfertigen Vergnügungen nachzugehen: Hier locken Offenbach-Operetten, da Konzerte, bei denen vor allem die "Wogebusen" der Besucherinnen fesseln.
Schweigen will der Sänger, doch von Strophe zu Strophe wird er lauter: "Schweigen will ich von Lokalen, / Wo der Böse nächtlich praßt, / Wo im Kreis der Liberalen / Man den heilgen Vater haßt." Und in dieser verworfenen Gesellschaft von Nichtstuern - "Auf dem Walle, auf der Gasse / Wimmelt man zum Zeitvertreib" - geht wenigstens einer Geschäften nach: der Jude, "tiefverderbt und seelenlos".

Diesmal nehmen die Fußnoten der Gesamtausgabe den zu erwartenden Antisemitismus-Vorwurf auf und zitieren einen Kronzeugen, Golo Mann, der den Erzähler für einen "Frömmling" hält.
Das Fazit: "Der Antisemit ist eine von Buschs Spottfiguren [...]. Er ist nicht Busch selber."
Aus eigener leidvoller Erfahrung weiß ich, dass Rollengedichte, zumal ironisch getönte, stets Gefahr laufen, in falsche Kehlen zu geraten: Um so eindringlicher möchte ich in diesem Fall mit Golo Mann auf Freispruch von Antisemitismus plädieren.

Aber gilt das auch für den dritten Casus in Buschs Werk? 1882, zwanzig Jahre nach dem "Naturgeschichtlichen Alphabet", zehn Jahre nach der "Frommen Helene", taucht erneut ein Jude in einer von Buschs Bildergeschichten auf, und diesmal steuert der nicht nur eine Zeichnung bei, wie im "Alphabet", oder lediglich Worte, wie in der "Frommen Helene" - er lässt den Juden in Wort und Bild agieren. "Plisch und Plum" heißt das Bilderepos, in welchem die Knaben Paul und Peter die jungen Hunde Plisch und Plum vor dem Ertränktwerden durch den bösen Kaspar Schlich retten, was für den Hausstand ihrer Eltern Papa und Mama Fittig erst einmal üble Folgen hat: Geschirr geht zu Bruch, Beete und Wäschestücke werden verwüstet.
Richtig ins Geld aber geht es im fünften Kapitel, das mit den Worten anhebt: "Kurz die Hose lang, / Krumm die Nase und der Stock, / Augen schwarz und Seele grau, / Hut nach hinten, Miene schlau" hier folgt die Zeichnung dieses Protagonisten, unter welcher das Fazit gezogen wird: "Das ist Schmulchen Schievelbeiner. / (Schöner ist doch unsereiner!)"
Diesem Juden nun zerreißen Plisch und Plum auf offener Straße und ohne erkennbaren Anlass die Hosen, worauf er Herrn Fittig zur Kasse bittet und der sich ins Unabänderliche schickt: "Er muss zahlen. Und von je / That ihm das doch gar so weh."
Ein Fall, der nicht mit dem Alibi "Rollengedicht" aus der Welt geschafft werden kann. Hans Ries nimmt ihn entsprechend ernst. Umfangreiche Fußnoten und fünf lange Spalten widmet er dem Stichwort "Schievelbeiner und die Frage einer antisemitischen Gesinnung Buschs."
Zwei Sachverhalte werden detailliert daraufhin untersucht, ob sie auf Antisemitismus schließen lassen: die Zeichnungen und die begleitenden Worte. An beiden scheinen Zeitgenossen keinen Anstoß genommen zu haben. Buschs Verleger Basserrmann teilt seinem Verwandten Paul Neff zu "Plisch und Plum" mit: "Es kommen einige Figuren darin vor wie der Jude, ein Engländer, eine aetherische Dame, die vortrefflich gelungen sind."

Eine unschuldige Reihung, die nach dem Judenmord der Nazizeit nicht mehr möglich ist. Joseph Kraus tritt denn auch als Ankläger auf, er fühlt sich bei der Zeichnung an "antisemitische Hetzblätter" erinnert.
Georg Gustav Wieszner nimmt den Zeichner in Schutz: "Buschs Juden sind Kollektivgestalten, wie seine Schneider; Lehrer, Maler, seine Bürger als Spießer erscheinen."
Hans Ries vermittelt, indem er daran erinnert, dass auch Karikaturen ihre Geschichte haben: Der Jude sei in den "Fliegenden Blättern" eine häufig auftretende, weitgehend tendenzfreie Witzfigur mit leicht erkennbaren, stereotypen Merkmalen gewesen, analog zum "beschränkten bayrischen Bauern oder dem preußischen Touristen". Er folgert:

"Die Vorstellung, die Juden könnten oder sollten aus dieser allgemeinmenschlichen Revue ausgeblendet werden, ist ihrerseits, wenn auch unter umgekehrtem Vorzeichen, rassistischer Natur und aus der Sehweise des 19. Jahrhunderts heraus nicht denkbar."
Auch Thomas Theodor Heine, selber Jude, habe für den "Simplicissimus" vergleichbar stereotype Judenkarikaturen gezeichnet, wenn er Kritik an Bankiers oder Börsianern üben wollte. Dass nach dem "Stürmer" und dem Holocaust keine stereotypen Judenkarikaturen mehr gezeichnet werden könnten, bedeute nicht, dass sie bereits vor dem "Stürmer" hätten unterbleiben - sollen so weit, so einleuchtend.

Doch mit Buschs Worten tut sich auch Ries schwer. Zu "Augen schwarz und Seele grau" bemerkt er in einer Fußnote, dass die "zeugmatische Kombination hier als diffamierende Aussage angelegt" sei, die aber nur auf den ersten Blick den Juden meine. Denn der eingeklammerte Zusatz "Schöner ist doch unreiner" mache sich mit "offenkundiger Ironie" über jene, lustig, die sich dem Juden überlegen dünkten.
Zustimmend zitiert er Dieter P. Lotze, der unterstellt, dass wir es hier wie bei der "Frommen Helene" "mit der Verspottung des zeitgenössischen antisemitischen Zerrbildes zu tun" haben.

Oh wie kalt ist sein Gemüth

Eine Analogie, die mir nicht einleuchtet. Der vom frommen Sänger beschworene namenlose und gesichtslose Jude ist nicht mit dem gezeichneten und benannten Schmulchen Schievelbeiner zu vergleichen. Busch hat was gegen diesen schlauen Zeitgenossen, wenn auch nicht zu übersehen ist, dass er gegen andere seiner Protagonisten noch viel mehr hat: "Oh wie kalt ist sein Gemüth!" Damit ist der Möchtegernhundchenertränker Kaspar Schlich gemeint, den zum guten Schluss der Neid dahinrafft, als er mit ansehen muss, wie ein Engländer die beiden gelehrigen Tiere für hundert Mark abkauft. Ein Antischlich ist war Busch ohne Frage. Ein nicht ganz so ausgeprägter Antischievelbeinerismus ist ebenfalls nicht zu übersehen.

Lässt der auf Antisemitismus schließen? Doch was kennzeichnet den? Ries legt die Latte sehr hoch: "Zu einem Antisemitismus, der den Begriff erfüllt, gehört konsequente Judengegnerschaft, ja ein Judenhass, eine Gesinnung mithin, die auf Herabwürdigung, Diffamierung, Entrechtung, Verfolgung, die bis zum Pogrom zielt. Davon kann bei Busch nicht im Mindesten die Rede sein." Letzterem stimmt Golo Mann zu, zugleich aber senkt er die Latte. Ein "arger Antisemit" sei Busch nicht gewesen: "Natürlich war er es ein klein bisschen, wie zu seiner Zeit alle Deutschen und alle Franzosen auch." Zu guter Letzt aber fährt Golo Mann noch einmal eine schlichte Tatsache ins Feld: "In seinen Erfolgswerken kommen die Juden nicht überdurchschnittlich oft vor, sondern unterdurchschnittlich selten."
Genau gesagt: Dreimal in zwanzig Jahren ungezählter komischer Bilder, witziger Bilderbögen und bissiger Bildergeschichten, in welchen Busch unzählige seiner Figuren, die von ihm so bezeichneten "Papierhanseln", in unsägliche Katastrophen getrieben hat - ein richtiger Antisemit hätte reichlich Juden darunter gemischt.
Und das wären mit Sicherheit keine Opfer wie Schievelbeiner gewesen, sondern Täter. Also wie nun: War er einer, der Busch? War er es ein bisschen? Gar nicht? Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück.

Nachtrag
Es gibt die These, dass die Namensschöpfung "Schievelbeiner" eine Anspielung auf den
Berliner Antisemitismusstreit enthält, da Rudolph Virchow in Schievelbein, Pommern geboren wurde.

[ Editiert von Gemini am 28.09.08 15:16 ]

Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny

mande ( gelöscht )
Beiträge:

26.10.2008 08:54
#9 RE: Wilhelm Busch (1832-1908) antworten

Zum Antisemitismus des Wilhelm Busch erlaube ich mir diese kurze Bemerkung:

In meinen Augen, das heisst, nach meinem Verständnis seiner Werke, seines Lebens und seiner Umgebung, Wilhelm Busch war nicht mehr und nicht weniger Antisemit, wie vieler der assimilierten Juden, welche zumteil mit Scham, die nicht selten in Verachtung überging, auf ihre, in ihren Augen,
´zurückgebliebenen´, ´weltfremden´ jiddisch-sprechenden ´Büder´ und ´Schwestern´ herabblickten.
Diese ´Scham´, liess auch Walther Rathenau in einem Gespräch mit seinem Freund Gerhart Hauptmann durchblicken.
Leider, ich finde nicht mehr die ´Quelle´ dazu.

Würde es regnen und Wilhelm Busch hätte einen zweiten Schirm bei sich und er würde einen Juden und einen Jesuiten begegnen, ich glaube, er würde dem Juden den anderen Schirm geben.

Mit Grüssen,
Manfred

[ Editiert von mande am 26.10.08 9:01 ]

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