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Dieses Thema hat 1 Antworten
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Leselust Offline



Beiträge: 2.098

01.06.2008 09:20
RE: Eduard Mörike (1804-1875) antworten

Dichter und Pfarrer war er, und in der ersten, unsicheren und schlecht bezahlten Position weit glücklicher als in der sicheren zweiten. Seine Phantasie weckte die Dämonen seiner schwäbischen Heimat, die Schöne Lau und das Stuttgarter Hutzelmännlein, schuf aber auch Realistisches wie die Novellen Lucie Gelmeroth und, als charmante Verneigung vor dem Musikgenie, Mozart auf der Reise nach Prag.
Und es lohnt, seine Gedichte zu lesen! Zu meinen Favoriten gehört die folgende Anleitung zum Sonettschreiben:

Zwei dichterischen Schwestern
von ihrem Oheim


Mit einer Randzeichnung, auf welcher an der Stelle der Endsilben ein Band herunterlief, durch dessen abwechselnde Farben das Reimschema angedeutet war

Heut lehr ich euch die Regel der Son - -.
Versucht gleich eins! Gewiß, es wird ge - -,
Vier Reime hübsch mit vieren zu versch - -,
Dann noch drei Paare, daß man vierzehn h - -.

Laßt demnach an der vielgeteilten K - -
Als Glied in Glied so einen Schlußring sp - -:
Das muß alsdann wie pures Gold erk - -;
Gewisse Herrn zwar hängen Klett an K - -.

Ein solcher findet meine schönen N - -
Bei diesem Muster. »Ah, Fräulein, Sie st - -!«
»O nein, Herr Graf, hier gilt es Silben z - -.«

»Wirklich! Doch wenn die Lauren selber d - -,
Was soll Petrarca?« Der mag Strümpfe str - -.
Eins wie das andre ist für schöne S - -.

---

Auch Distichen wie diesen höchst menschlichen Seufzer schrieb er:

Nachts am Schreibepult

Primel und Stern und Syringe, von einsamer Kerze beleuchtet,
Hier im Glase, wie fremd blickt ihr, wie feenhaft, her!
Sonne schien, als die Liebste euch trug, da wart ihr so freudig:
Mitternacht summt nun um euch, ach! und kein Liebchen ist hier.

---

Für mich eines der schönsten Beispiele romantischer Sehnsuchts-Lyrik ist das folgende Gedicht über sein gemeinsam mit einem Kommilitonen erdachtes Traumland der Götter, der Kobolde und Feen:

Gesang Weyla’s

Du bist Orplid, mein Land!
Das ferne leuchtet;
Vom Meere dampfet dein besonnter Strand
Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.

Uralte Wasser steigen
Verjüngt um deine Hüften, Kind!
Vor deiner Gottheit beugen
Sich Könige, die deine Wärter sind.

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

03.06.2008 17:49
#2 RE: Eduard Mörike (1804-1875) antworten

Eigentlich gehört der Gesang Weyla's (das Apostroph steht so bei Mörike, wird also da gelassen) zu den Gedichten, deren Schönheit ich nicht recht erklären kann - und die mich doch zutiefst berühren. Auf die ausdrückliche Aufforderung eines Freundes versuche ich es trotzdem.

Zunächst: es klingt. Selbst wenn man die Sprache gar nicht versteht, sind Rhythmus und Wortklang äußerst lieblich.
Dann entsteht ein Bild:
Da ist ein Land, kein bekanntes, aber Eigentum des Sprechers, und doch für den Sprecher (und für den Leser, der sich mit ihm identifiziert) fern, aber nicht so fern, daß man sein Leuchten nicht sähe. Der warme Sandstrand ist in feinen Nebel gehüllt, der sich aufsteigend auf den Gesichtern schöner hoher am Ufer gehender Göttergestalten niederschlägt.
Das große, alte, gefährliche Meer umspült die Insel, und am umgebenden flachen Ufer, am breiten Strand, an den Hüften der Insel, die selbst wie eine Göttin ist, spielen harmlose und durchscheinende Wellchen.
Königreiche der Menschen, der Elementargeister, der Feen sind auf der Insel, und ihre Herrscher verstehen sich als Untertanen und Hüter der Insel selbst.
Das alles ist in den acht kurzen Zeilen angedeutet und zeigt meiner Phantasie den Weg nach Orplid, das dadurch auch zu meinem Land wird.

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