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Dieses Thema hat 2 Antworten
und wurde 721 mal aufgerufen
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Leselust Offline



Beiträge: 2.098

06.08.2008 20:36
RE: Knut Hamsun (1859-1952) antworten

In der Zeit des Jugendstils wurde er berühmt, und zu Beginn des Wirtschaftswunders starb er - und wie viele höchst verschiedene Epochen lagen dazwischen!
Jugendstil und Skandinavismus beeinflußten sein Werk ebenso wie sein eigenes abenteuerliches, getriebenes und von Krankheit geprägtes Leben.
1898 erschien Victoria. Die Geschichte einer Liebe, ein zauberhafter Roman um die aus gesellschaftlichen Gründen unmögliche Liebe zwischen der von einem Herrenhof stammenden Victoria und dem Müllersohn Johannes. Hamsun führt die rigide großbürgerliche Moral, nach der diese Liebe nicht sein darf, ad absurdum: Victoria ist zu Beginn ein arrogantes Mädchen und wird später eine seelisch unreife Frau, die nie gelernt hat zu arbeiten; Johannes wird vom naturliebenden Müllersohn mit hochfliegender Phantasie zu einem gefeierten und von seiner eigenen Arbeit lebenden Literaten. Das Herrenkind spielt in der Welt eine unbedeutende Rolle, das Kind kleiner Leute wird gefeiert. Beide, Johannes und Victoria, sind dabei Getriebene, deren tiefe Sehnsucht unerfüllt bleibt.

Unverständlich ist mir, wie ein kluger und sensibler, künstlerisch wacher und sprachmächtiger Mensch den unsäglichen barbarischen Stumpfsinn des Nationalsozialismus gutheißen und einen Nachruf schreiben konnte, in dem ein Massenmörder geradezu als Lichtgestalt erscheint. Zum Teil mag eine Form von Starrsinn dabei eine Rolle gespielt haben, immerhin war er ja 1939 bereits achtzig Jahre alt, aber einerseits kann Alter nicht politische Niedertracht begründen, andererseits spricht die Tatsache gegen geistigen Verfall, daß er nach dem Krieg höchst klare und ausführliche Aufzeichnungen über seine Zeit in einer Psychiatrie - in die er zwecks Überprüfung seiner Schuldfähigkeit verbracht worden war - schreiben konnte.

Bei allem Zorn, den man über Hamsuns geistige Brandstiftung empfindet, bleibt sein literarisches Werk groß.

[ Editiert von Administrator Leselust am 07.08.08 22:37 ]

mande ( gelöscht )
Beiträge:

28.10.2008 11:45
#2 RE: Knut Hamsun (1859-1952) antworten

Zu diesem Zitat:
´Bei allem Zorn, den man über Hamsuns geistige Brandstiftung empfindet, bleibt sein literarisches Werk groß.´

Oft habe ich mir die Frage gestellt, war Hamsum eigentlich mehr ´Biedermann´, oder doch eher ´Brandstifter´?

Wo muss/kann man die Antwort finden, in seinen Romanen, oder in seinen politischen Äusserungen!
Eine schwierige Frage, die ich, trotzem ich die Werke und auch sein politsches Denken einigermassen kenne, nicht so ohne weiteres mit einem ´So war es´, beantworten kann.
Und, es würde sich lohnen, darüber Gedanken zu machen, wie das ´Gedankengut´ der Norweger und auch der Schweden, in der damaligen Zeit war. Norwegens Gegenwehr war in erster Linie eine Antwort gegen die Occupation. Ohne sie, was wäre dann gewesen?

Mit Grüssen,
Manfred

[ Editiert von mande am 28.10.08 12:00 ]

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

28.10.2008 17:45
#3 RE: Knut Hamsun (1859-1952) antworten

Nun, er hat, daran führt kein Weg vorbei, die Nazis gutgeheißen und eine peinliche Eloge den großen Diktator veröffentlicht. Daß man ihn dafür nicht in ein Gefängnis, sondern in eine Psychiatrie sperrte, war ein Entgegenkommen, das er nie begriff. Und doch bleibt er ein großer Autor.

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