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Leselust Offline



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27.08.2008 23:45
RE: Hieronymus Lorm (1821-1902) antworten

Einen interessanten Artikel veröffentlichte die Wiener Zeitung am 23. März 2001 über ihren einstigen Feuilletonisten:

Hieronymus Lorm
Von Fritz Keller

… Wie viele andere betuchte Geschäftsleute verlegen die Eltern schon während des ersten Lebensjahres ihren ständigen Wohnsitz nach Wien. Ihr Salon entwickelt sich schnell zum Sammelpunkt aller literarischen und Kunstgrößen der Kaiserstadt, sogar Friedrich Hebbel verkehrt hier. Heinrich kann an diesem gesellschaftlichen Leben nur bedingt teilnehmen, denn seit seinem fünfzehnten Lebensjahr ist er ist durch ein Nervenleiden taub und fast blind. Um diese Handicaps zu überwinden erfindet er eine Klopfsprache und eine Handdruckverständigung, mittels der er sich vorlesen lässt und diktiert. So studiert er nicht nur am Polytechnikum und an der Universität, sondern verfasst 1846 auch eine Essaysammlung "Wiens poetische Schwingen und Federn". "Der österreichischen Volksgeist ist stets dumpf und unaufgeweckt", heißt es da, "zu wenig tatsächlich eingreifend in die historische und politische Fortentwicklung Österreichs, dessen Geschichte sich fast nur durch Anstoß von außen bildete, als dass dieser Volksgeist jemals die Notwendigkeit erkannt haben sollte, in einer unabhängigen Literatur zu bewussten Anschauung seiner selbst zu gelangen, sich selbst objektiv zu werden . . . Wenn man in Österreich eine Literatur zuschreibt, so ist das nur etwas zufällig gewordenes, nicht wie in anderen Ländern ein aus dem Staatsleben unausweichlich hervorgegangenes Resultat: Nur ein zu duldendes, nicht gänzlich ausrottbares Übel, nicht eine durch die Weiterbildung des Volkes erkämpfte Errungenschaft, in der eine aus Blut und Taten geknetete Geschichte ihr duftigsten, geistigen Blüten zur Entfaltung gebracht hätte."

Solche an Hegel geschulten Revoluzzer-Töne missfallen den Zensoren Metternichs. Heinrich Landesmann muss flüchten. Zuerst übersiedelt er nach Leipzig, dann nach Berlin, wo er literarischer Korrespondent der einflussreichen Zeitschrift "Die Grenzboten" wird. Im Exil wählt er sein lebenslanges Dichter-Pseudonym nach Hieronymus, dem ersten Heiligen, der über die Einsamkeit sinnierte, und Lorm, nach einer Person in einem Roman eines heute unbekannten Dichters.

In Baden, wohin er sich zurückzieht, verfasst er "Ein Zögling des Jahres 1848". Diese Novelle, die sich bald nach dem Erscheinen 1855 zu Lorms populärstem Werk entwickelt, schildert die politischen Intrigen während der Umsturztage und die damit verbundene Desillusionierung eine jungen jüdischen Intellektuellen von den Versprechungen allgemeiner Emanzipation sowie seine Rückkehr zu Wurzeln seiner Existenz. Obwohl der Roman mit den Zeilen "vor den Menschen bewahre mich mit Deiner Hand, Jehova, vor den Weltmenschen" endet, bedeutet er nicht die Rückkehr zur orthodoxen Religion, die Lorm für eine ebensolche Fabel hält, wie die Freiheit, "die Religion des 19. Jahrhunderts". Auch begreift er sich nach wie vor als deutscher Schriftsteller, "der zufällig in Österreich sein Vaterland - pater semper incertus - jedenfalls aber in der deutschen Kultur seine Mutter und an der Muttersprache sein Organ hat".

Der Schriftsteller Karl Gutzkow, bezeichnete Lorm in seiner Geschichte des Feuilletons als "den Schöpfer des deutschen Feuilletons, so weit es lebensphilosophischen Inhalt hat".

Doch verfasste Lorm auch eine unübersehbare Reihe von Novellen und Romanen, philosophischen Arbeiten und Aufsätzen. Gemeinsam ist allen diesen Werken eine kontemplative und zugleich pessimistische Innerlichkeit: "Man braucht nicht immer die Gebärden des Selbstmordes, man kann in Ruhe, Gemütlichkeit und selbst mit Behagen verzweifeln." Jeder Veränderung der Außenwelt ist der Dichter abhold: "Töricht ist der Wahn, durch einstige Lösung aller sozialen Probleme die Welt angenehm einzurichten. Man kann einem Hospitale gesündere Luft und helleres Licht zuführen, es wird dadurch nicht zu einem Aufenthalt des Vergnügens, es bleibt immerdar ein Krankenhaus." …


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Hier noch einige Gedichte dieses zutiefst Einsamen:

Sphärengesang

So lang die Sterne kreisen
Am Himmelszelt,
Vernimmt manch' Ohr den leisen
Gesang der Welt:

»Dem sel'gen Nichts entstiegen,
Der ew'gen Ruh,
Um ruhelos zu fliegen –
Wozu? Wozu?«

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Weltlauf

Wohin das Auge dringt,
Ist Schuld und Leiden,
Und was der Zeitlauf bringt
Ist Fliehn und Scheiden.

Dazwischen hat der Traum
Von Glück und Liebe,
Nur noch so viel an Raum,
Daß er zerstiebe.

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Nach hundert Jahren
An eine Frau


Ein Jahrhundert wird vorübergehn,
Unsre Gräber wird man nicht mehr sehn,
Unsre Namen, was wir tun und wollen,
Alles ist vergessen und verschollen.

Menschen, deren Zorn wir feig gebebt,
Daß wir lieber ihrem Wahn gelebt,
Als im Glanz der Wahrheit hinzuwallen,
Sind in Staub gleich unserm Staub zerfallen.

Für den Traum, den nie ein Hoffen fand,
Für das Glück, das ungenossen schwand,
Wird die Welt, der wir's zum Opfer gaben,
Keinen Dank und kein Erinnern haben.

Nichts mehr lebt für uns, selbst nicht der Hohn,
Der da früge, was des Opfers Lohn!
Doch im Reich der Seelen tönt ein Klagen
Um so sündhaft Leiden und Entsagen.

Seelen, die der gleiche Ruf erfaßt,
Wie zwei Blüten auf dem gleichen Ast,
Eine Frucht zu werden der Vollendung,
Trennten sich und logen ihrer Sendung.

Ein Jahrhundert wird vorübergehn,
Was wir opfern, ist umsonst geschehn,
Doch die Geister höh'rer Welten richten
Strafend unser frevelhaft Verzichten.

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Das letzte Ziel

Ich glaub' nicht an die Dauer
Jenseits der Kirchhofsmauer,
Doch wünsch ich nur so viel
Mir als das letzte Ziel,
Wenn abgetan des Lebens Last
Zu fühlen meine tiefe Rast.

---

Und droht auch Nacht der Schmerzen ganz
Mein Leben zu umfassen -
Ein unvernünft'ger Sonnenglanz
Will nicht mein Herz verlassen.

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