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Dieses Thema hat 10 Antworten
und wurde 627 mal aufgerufen
 Hier wird vorgestellt und besprochen:
Consus Offline




Beiträge: 49

29.09.2008 15:20
RE: Friedrich Rückert antworten

Über das Gesamtwerk des deutschen Orientalisten Friedrich RÜCKERT (1788-1866) kann man sich anderen Orts im Netz informieren. Hervorgehoben seien hier nur die sog. Kindertotenlieder, die Gustav Mahler vertonte, die Übersetzung von Gedichten des Dschelal ad-Din Rumi und Hafis, die leider unvollendet gebliebene Koran-Übersetzung und nicht zuletzt das gewaltige Opus Weisheit des Brahmanen, das einmal als schönstes und gedankenreichstes Lehrgedicht der deutschen Sprache bezeichnet wurde und im Geiste brahmanischer, buddhistischer Anschauungen, aber auch im Sinne antiker und neuzeitlicher Philosophie (Fichte, Hegel) eine pantheistische Weltdeutung versucht. Der Aufbau des Werkes vollzieht sich in zwölf Stufen: I. Einkehr, II. Stimmung, III. Kampf, IV. Schule, V. Leben, VI. Prüfung, VII. Erkenntnis, VIII. Weltseele, IX. Dämmerklarheit, X. Vom Totenhügel, XI. Im Anschauen Gottes, XII. Frieden. Aus meiner alten Reclam-Ausgabe zitiere ich das allererste Gedicht von Hunderten, die sich über 617 Seiten verteilen:

Ein indischer Brahmane, geboren auf der Flur,
Der nichts gelesen als den Weda der Natur;
Hat viel gesehn, gedacht, noch mehr geahnt, gefühlt,
Und mit Betrachtungen die Leidenschaft gekühlt;
Spricht bald, was klar ihm ward, bald um sich’s klar zu machen,
Von ihn angehnden halb, halb nicht angehnden Sachen.
Er hat die Eigenheit, nur Einzelnes zu sehn,
Doch alles Einzelne als Ganzes zu verstehn.
Woran er immer nur sieht schimmern einen Glanz,
Wird ein Betkügelchen an seinem Rosenkranz.

************************************************************
In diesen Herbsttagen ein Rückertsches Herbstgedicht:

Herbsthauch

Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,
Hoffst du von Tagen zu Tagen,
Was dir der prangende Frühling nicht trug,
Werde der Herbst dir noch tragen?
Lässt doch der spielende Wind nicht vom Strauch
Immer zu schmeicheln, zu kosen,
Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,
Abends zerstreut er die Rosen.
Lässt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
Was wir geliebt und gedichtet.

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

01.10.2008 01:01
#2 RE: Friedrich Rückert antworten

Das Herbstgedicht gehört zu meinen liebsten Gedichten, obwohl oder weil es so wehmütig ist.
Das Lehrgedicht habe ich leider nie gelesen und danke Dir sehr, daß Du es hier vorgestellt hast - dies erste Gedicht klingt so einfach und ist es gar nicht, wie ich beim mehrmaligen Lesen merkte. Ganz groß.

Consus Offline




Beiträge: 49

02.10.2008 09:52
#3 RE: Friedrich Rückert antworten

Lesfrucht aus Rückerts Weisheit des Brahmanen.
Zwölfte Stufe: Frieden, Nr. 5:

Ich freue jeden Tag dem Abend mich entgegen,
Und jede Nacht im Traum mich auf den Morgensegen.
Ich freue still mich mit ungestümer Lust,
Nicht ungeduldig ist die Freud' in meiner Brust.
Ich freu' mich auf die Stund' und auf den Augenblick,
Auf groß und kleines, mein und anderer Geschick.
Vom Herbst den Winter durch freu' ich dem Lenz mich zu,
Und aus dem Sommer durch den Herbst zur Winterruh'.
Ich freu' mich durch des Jahrs und durch des Lebens Zeit,
Und aus der Zeit hinaus mich in die Ewigkeit.

Consus Offline




Beiträge: 49

02.10.2008 10:21
#4 RE: Friedrich Rückert antworten

lesefrucht aus Rückerts Kor'an-Übersetzung (hg. v. Hartmut Bobzin, Würzburg 1995).

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

102e Sure

Das Mehrwollen

1 Ihr wollt nur mehr Geschlecht und Habe,
2 Und geht darüber zu dem Grabe.
3 Einst werdet ihrs erfahren,
4 Ja einst werdet ihrs erfahren.
5 O daß ihrs sähet recht im Klaren!
6 Die Hölle werdet ihr gewahren,
7 Gewahren werdet ihr recht im Klaren.
8 Da wird man fragen euch, was eure Freuden waren.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Consus Offline




Beiträge: 49

02.10.2008 10:36
#5 RE: Friedrich Rückert antworten

Aber man liest auch anderes im Kor'an. Auszug aus der Sure 4 in der Rückertschen Übersetzung :

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Die Männer gehen vor den Weibern,
Weil Gott gab Gnadenvorzug einem vor dem andern.
Und auch weil sie aufwenden ihr Vermögen.
Ehrbare Frauen aber sind
Gehorsam und bewahren das Geheimnis, weil sie Gott bewahrt.
Doch deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet,
Dieselbigen vermahnet
Und scheidet euch von ihrem Lager,
Und schlaget sie! doch wenn sie euch gehorchen,
Suchet gegen sie keinen Weg!
Denn Gott ist hoch und mächtig.

Befürchtet ihr Zerwürfnis eines Ehebundes,
So bringt zur Stelle einen
Schiedsrichter von des Mannes Seite
Und einen von des Weibes Seite.
Und wenn die beiden sich vertragen,
So wird Gott ihren Bund befestigen,
Denn Gott ist weis' und kundig.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Consus Offline




Beiträge: 49

02.10.2008 15:08
#6 RE: Friedrich Rückert antworten

Eine Anmerkung im Hinblick auf die zitierte Kor'an-Stelle sei hier erlaubt:
Hoffentlich hält auch bald die historisch-kritische Methode Einzug in die muslimische Theologie, um das sog. "Wort Gottes", ohne dass es etwas von seiner Würde verliert, als zeitbedingtes Menschenwerk zu deuten.

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

02.10.2008 22:52
#7 RE: Friedrich Rückert antworten

Der Priester und Theologe Adel Khoury leistet hier viel! Aber schön wäre es, wenn solche Arbeiten endlich von islamischer Seite kämen.

Consus Offline




Beiträge: 49

03.10.2008 10:25
#8 RE: Friedrich Rückert antworten

Der Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid und der Münsteraner Muhammad Kalisch sind, obwohl sie von orthodoxen Betonköpfen angefeindet werden, Hoffnungsträger.

Doch hier in diesem Literaturforum noch eine Sure, die 93., in der Rückertschen Übersetzung, schöne orientalische Poesie in adäquater Wiedergabe:

1 Beim Tag der steigt!
2 Und bei der Nacht die schweigt!
3 Verlassen hat dich nicht dein Herr, noch dir sich abgeneigt.
4 Das dort ist besser als was hier sich zeigt.
5 Er gibt dir noch, was dir zu deiner Lust gereicht.
6 Fand er dich nicht als Waisen, und ernährte dich?
7 Als irrenden, und führte dich?
8 Als dürftigen, und mehrte dich?
9 Darum den Waisen plage nicht,
10 Dem Bittenden versage nicht,
11 Und deines Herrn Huld vermelde!

Consus Offline




Beiträge: 49

06.10.2008 14:28
#9 RE: Friedrich Rückert antworten

Mein liebstes Rückert-Gedicht, vertont von Robert Schumann, op. 37, Nr. 1 (1840):
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Der Himmel hat eine Träne geweint

Der Himmel hat eine Träne geweint,
Die hat sich ins Meer verlieren gemeint.
Die Muschel kam und schloß sie ein:
Du sollst nun meine Perle sein.
Du sollst nicht vor den Wogen zagen,
Ich will hindurch dich ruhig tragen.
O du mein Schmerz, du meine Lust,
Du Himmelsträn' in meiner Brust!
Gib, Himmel, daß ich in reinem Gemüte
Den reinsten deiner Tropfen hüte.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

mande ( gelöscht )
Beiträge:

30.10.2008 08:31
#10 RE: Friedrich Rückert antworten

Besonders, es liegt mir am Herzen, auch weil es einen Hauch von Zen hat, die Übersetzung Rückerts ´Über die drei Aspecte des menschlichen Lebens´ des islamischen Filosofen und Musiktheoretikers Abu Nasr Muhammad al Farabi. Gestorben 950

´Auf der Laute spielt er
drei verschiedene Töne so,
dass er mit einem Ton
alle Hörer lachen macht,
mit dem andern Ton dann
alle Hörer weinen macht,
endlich mit dem dritten Ton
alle Hörer senkt in Schlaf.´

Habe mir erlaubt, man möge mir verzeihen, diese rückertschen Verse, nicht um ihn Konkurrenz zu machen, was auch wäre vergebliche Mühe, in Reime zu setzen aus reinem Vergnigen.

Auf der Laute spielt er froh,
drei verschied´ne Töne so,
dass er mit dem einen,
alle Leute bringt zum weinen.
Mit dem andern, so kann er´s machen,
alle Leute bringt zum lachen.
Und nach dem dritten dann,
nun, man schlafen kann.

Mit Grüssen,
Manfred

[ Editiert von mande am 30.10.08 18:04 ]

Gemini Offline




Beiträge: 11.569

09.12.2008 11:18
#11 RE: Friedrich Rückert antworten

da mir Rückert das Gedicht der Woche wert war, setze ich mal einen link zu meinem Blogbeitrag
http://rezitante.wordpress.com/2008/12/0...t-der-woche-50/

Im Kommentar hab ich mich kurz über die Gestaltung geäußert. Rückert ist da ja sehr selbstbewußt und setzt die Verse durchaus so, dass sie bei oberflächlicher Betrachtung sich nicht immer ganz entfalten können, aber...

Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny

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