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Leselust Offline



Beiträge: 2.098

07.10.2008 09:48
RE: Sigrid Undset (1882-1949) antworten

Sigrid Undset lebte zwar die meiste Zeit ihres Lebens im 20. Jahrhundert. Aber sie wuchs im 19. Jh. heran und wurde in ihm und von ihm geprägt, deshalb stelle ich sie hier vor.
Sie erhielt 1928 den Nobelpreis für ihre Trilogie Kristin Lavranstochter, und wie ich finde, war das eine hervorragende Entscheidung.
Das Buch spielt im 13. Jh. in Norwegen; Kristin Lavranstochter ertrotzt die Ehe mit dem Mann, von dem sie bereits schwanger ist (und der mit einer verheirateten Frau zwei Kinder hat) - obwohl sie bereits mit einem anderen verlobt wurde. Undset spricht dabei über sexuelles Begehren mit einer Deutlichkeit, die für eine Frau ihrer Zeit schier unglaublich ist; dabei vermeidet sie aber jedes unschöne Wort und jede überflüssige Detailliertheit. (Ich finde das sehr wohltuend; einige moderne Schriftsteller tun ja gerne so, als müßten sie dem Leser in Einzelheiten erklären, wie es geht. Die Undset traut ihren Lesern eine Grundkenntnis der Tatsachen des Lebens zu.)
Über die Jahre wird Kristin Mutter von sieben Söhnen; ihre Beziehung zu Erlend leidet unter seiner Sorglosigkeit ebenso wie unter den ständigen Schwangerschaften und Geburten. Erlend zeigt sich immer wieder als ein bei aller Liebe und Intelligenz unreifer und egozentrischer Mann. Ein Versuch, in das Geschehen im Königshaus einzugreifen - aus klarem politischen Gewissen, aber mit der gewohnten Sorglosigkeit und Selbstüberschätzung - bringt ihn fast an den Galgen; Kristin bewältigt es, die Familie unter schwierigsten Umständen zu erhalten.
Kristin ist endlich zwar angesehen als hilfsbereite und kenntnisreiche Frau, aber sie leidet unter Erlends wachsender Gleichgültigkeit. Der Niedergang ist unaufhaltbar.

Undset beschreibt Leben im mittelalterlichen Norwegen mit großer Kenntnis, und sie bringt es fertig, auch das Denken der Zeit glaubwürdig und detailreich zu schildern. Geprägt ist das Leben von der Religion als Grundlage des Denkens und Struktur des Handelns, und von der Land- und Viehwirtschaft in völliger Abhängigkeit von der Witterung. Lebendig und eindringlich wird Leben unter den harten Bedingungen der lebensnotwendigen Landwirtschaft geschildert, aber auch die Buntheit der Mode, die politischen Umstände und die Art zu reisen werden sichtbar durch Undsets Feder. Die einzelnen Personen sind alle plastisch und glaubwürdig geschildert.
Sachliche Fehler unterlaufen der Autorin nur wenige - so läßt sie im ersten Band ein Mädchen nach einer Rückgratverletzung noch drei Jahre leben, eine medizinische Unmöglichkeit ohne Antibiotika. Aber das tut der Glaubwürdigkeit des ganzen Werkes keinen Abbruch.

Kristin Lavranstochter ist keine leichte Kost, fordert den Leser - aber zieht ihn auch in den Bann. Das mittelalterliche Leben ist mir noch nie so ungeschönt, glaubhaft und spannend nahegebracht worden.

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