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Leselust Offline



Beiträge: 2.098

05.01.2009 22:12
RE: August Graf von Platen (1796–1835) antworten

Ein Meister der Form war dieser Dichter, der zu meinem Kummer leider fast völlig vergessen ist (mehrere Bibliothekare, die ich auf ihn ansprach, kannten ihn nicht).

Die arabische Gedichtform der Ghasele war für kurze Zeit in der deutschen Dichtung beliebt - auch wenn sie von einigen als Reimgeklingel verspottet wurde -, und Platen schuf reihenweis Ghaselen, wohl die berühmteste in einer der arabischen Urform ganz unvertrauten Schwermut:

Es liegt an eines Menschen Schmerz, an eines Menschen Wunde nichts,
Es kehrt an das, was Kranke quält, sich ewig der Gesunde nichts!
Und wäre nicht das Leben kurz, das stets der Mensch vom Menschen erbt,
So gäb's Beklagenswerteres auf diesem weiten Runde nichts!
Einförmig stellt Natur sich her, doch tausendförmig ist ihr Tod,
Es fragt die Welt nach meinem Ziel, nach deiner letzten Stunde nichts;
Und wer sich willig nicht ergiebt dem ehrnen Lose, das ihm dräut,
Der zürnt ins Grab sich rettungslos und fühlt in dessen Schlunde nichts;
Dies wissen Alle, doch vergißt es Jeder gerne jeden Tag,
So komme denn, in diesem Sinn, hinfort aus meinem Munde nichts!
Vergeßt, daß euch die Welt betrügt, und daß ihr Wunsch nur Wünsche zeugt,
Laßt eurer Liebe nichts entgehn, entschlüpfen eurer Kunde nichts!
Es hoffe Jeder, daß die Zeit ihm gebe, was sie Keinem gab,
Denn Jeder sucht ein All zu sein und Jeder ist im Grunde nichts.

Das bekannteste Gedicht aus Platens Feder ist eine Ballade, die gerade durch ihren einfachsten Aufbau - Zweizeiler aus achthebigen Trochäen - eine eigentümliche Wirkung hat.

Das Grab im Busento

Nächtlich am Busento lispeln, bei Cosenza, dumpfe Lieder,
Aus den Wassern schallt es Antwort, und in Wirbeln klingt es wider!

Und den Fluß hinauf, hinunter, ziehn die Schatten tapfrer Goten,
Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten.

Allzufrüh und fern der Heimat mußten hier sie ihn begraben,
Während noch die Jugendlocken seine Schulter blond umgaben.

Und am Ufer des Busento reihten sie sich um die Wette,
Um die Strömung abzuleiten, gruben sie ein frisches Bette.

In der wogenleeren Höhlung wühlten sie empor die Erde,
Senkten tief hinein den Leichnam, mit der Rüstung, auf dem Pferde.

Deckten dann mit Erde wieder ihn und seine stolze Habe,
Daß die hohen Stromgewächse wüchsen aus dem Heldengrabe.

Abgelenkt zum zweiten Male, ward der Fluß herbeigezogen:
Mächtig in ihr altes Bette schäumten die Busentowogen.

Und es sang ein Chor von Männern: Schlaf in deinen Heldenehren!
Keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grab versehren!

Sangen's, und die Lobgesänge tönten fort im Gotenheere;
Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere!

---

Dies eindrucksvolle Gedicht ist übrigens von einem österreichischen Blogger hinreißend parodiert. Ich erlaube mir mal, bei allem Respekt vor Platen - der ja auch nicht ohne Humor war - auch diese Version zu zitieren:

An dem Grab im Busento
von Christian von Gattringer

Nächtlich am Busento, bei Cosenza und bei Regen,
klingen dumpfe Lieder aus dem Wasser mir entgegen.
Und den Strom hinauf, hinunter ziehen tapf’re Gotengeister,
die den Alarich beweinen, ihres Volkes toten Meister.

Allzu früh und fern der Heimat, mussten sie ihn hier bestatten,
noch bevor die Manneshaare seine Brust erobert hatten.
Und am Ufer des Busento, sammelten sich die Soldaten,
litten ab die Stromesströmung, mit dem Krampen und dem Spaten.

Wühlten dann empor die Schlämme, in der Höhlung ohne Wogen,
warfen tief hinein den Leichnam, auf dem Pferd, hübsch angezogen.
Deckten dann mit Erde wieder, ihn und Gold, ihn zu begleiten,
abgezogen schon die Kosten, für Kanal- und Erdarbeiten.

Abgelenkt zum zweiten Male, ward der Fluss herangesteuert,
des Busentos alte Läufe von den Wogen rasch erneuert.
Und es sang ein Chor von Goten: Schlaf! bei all den andern Leichen,
möge die Busentofeuchte, dir dein hartes Los erweichen.

Sangens, und die Heldenchöre tönten fort, wie stolze Grüße,
wälze sie, Busentowelle! Wälze sie mir an die Füße!


Die Griechenland-Begeisterung war groß; der deutsche Hexameter war schon seit einiger Zeit eine etablierte Versform, und Platen nutzte ihn, um auf seine Weise gegen den Museumsmief zu wettern:

Die Antiken

Laßt uns ledig, und öffnet sogleich Rüstkammer und Wandschrank!
Nicht am dumpfigen Ort in Gewölben zu wohnen geziemt uns:
Denkt doch, was wir und wo wir gewesen, und schenket uns Mitleid!
Dies uralte Gefäß war einst der ägyptischen Gärten
Zier, und Kleopatra selbst ließ füllen mit Myrtengezweig es;
Dieser geschnittene Stein, ein doppelgeschichteter Onyx,
Zierte des jungen Antinous Hand, als köstlichen Ringschmuck
Trug ihn der schöne, doch ach! zu frühe vergötterte Jüngling;
Ich, als Hermes, stand in der Halle des Cäsar Augustus,
Wo mich ein Lorbeergewächs mit südlichem Duft anhauchte.
Und nun habt ihr uns hier aneinandergehäuft und geordnet,
Eines das andre verdrängend, und dies durch jenes verdunkelt,
Keins am schicklichen Ort, in belebendem Schimmer der Sonne.
Selbst das gelehrte Gesicht des begaffenden Kenners ermüdend,
Liegen geschichtet wir hier, Gleich traurigen Knochen im Beinhaus,
Und in empfänglicher Brust aufregen wir schmerzliche Sehnsucht
Nach den Tagen, in denen wir fast wie Lebendige prangten.
Zieht nicht Rosen auch ihr, frischblühende Flechte zu winden
Um den etrurischen Krug und die Scheitel der Büste von Marmor?
Habt nicht Tempel auch ihr, nicht schattige Gartenarkaden,
Daß ihr uns dorthin pflanzt, in die Nähe des ewigen Himmels,
Jedem Beschauer zur Lust, uns selbst zur süßen Gewohnheit?

---

Schließlich noch ein Hinweis auf eine ganz unbekannte Seite dieses Dichters - er hat ein wahrhaft entzückendes Märchen, Rosensohn, geschrieben.

[ Editiert von Administrator Leselust am 06.01.09 8:30

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