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Leselust Offline



Beiträge: 2.098

15.01.2009 00:43
RE: Ossip Emiljewitsch Mandelstam (1891-1938) antworten

Ein hochgebildeter und weitgereister Mensch war dieser Dichter, hellhörig und zartfühlend und durch seine Herkunft wie durch seine politische und intellektuelle Wachheit der Diktatur verhaßt.
Auf den ersten Blick scheint er durch seine Lebensdaten nicht in ein Forum für Literatur des 19. Jhs. zu passen. Aber einerseits wird ein Mensch in den ersten zehn Jahren seines Lebens grundlegend geprägt - so daß man Mandelstam durchaus als Menschen des 19. Jhs. bezeichnen kann; andererseits sind seine Gedichte bei aller sprachlichen Eigenständigkeit der Sprache des 19. Jhs. sehr verwandt (soweit ich das beurteilen kann, da ich auf Übertragungen angewiesen bin).
Seine Begeisterung für die antike Sagenwelt und für Ovid prägte sein lyrisches Werk. Auf Ovids im Exil entstandenes Werk Tristia (Trauriges) spielt Mandelstam an:

Tristia

Ich hab die Kunst studiert, Abschied zu nehmen,
Im barhäuptigen Schmerz nächtlicher Klagen.
Es brüllen Ochsen, die Erwartung währt –
Der Stadtvigilen letzte Stunden schlagen.
Ich ehr den Ritus jener Hahnennacht,
Als, schwer das Kreuz des Leidenswegs erhebend,
Verweinte Augen in die Ferne schauten
Und Klageweiber Musensänge webten.

Wer weiß schon – nur beim Wort: das Abschiednehmen,
Welch eine Trennungszeit bevorstehn wird;
Was uns verheißt der Hähne lautes Krähen,
Wenn die Akropolis im Lichtschein flirrt?
Und beim Beginn solch eines neuen Lebens,
Wenn in der Scheune faul der Ochse brüllt,
Warum der Hahn, als Herold neuen Lebens,
Mit Flügelschlag die Stadtmauern erfüllt.

Ich liebe die Gewöhnlichkeit des Webens;
Das Schiffchen flitzt, die Spindel tanzt und schwirrt.
Da schau: barfüßig wie 'ne Schwanenfeder
Eilt Delia in sanftem Flug zu dir.
O karger Boden unsres Vegetierens!
Wie arm an Freude doch die Sprache ist!
Was war in alter Zeit, kommt alles wieder.
Allein der Augenblick erscheint uns süß.

So soll es sein: durchsichtig ein Figürchen
Auf einer reinen irdnen Schale liegt,
Wie'n Eichhornfell zerlegt in kleine Stückchen,
Tief übers Wachs gebeugt, ein Mädchen blickt.
Nicht wir enträtseln Erebus, den Griechen,
Für Frau'n ist Wachs, was Männern Kupfer ist.
Der Mann erlangt den Opfertod in Kriegen,
Und nur die Frau ist's, die hellsichtig stirbt.


© der Übersetzung: Eric Boerner

Das Gedicht ist Teil eines gleichnamigen Zyklus.
Eine zweisprachige Ausgabe im Netz findet sich hier. In meinem öffentlichen Tagebuch habe ich ebenfalls auf ihn aufmerksam gemacht.

[ Editiert von Administrator Leselust am 15.01.09 14:03

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