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Leselust Offline



Beiträge: 2.098

23.02.2009 23:07
RE: Friedrich Spielhagen (1829-1911) antworten

Erst zu seinem 180. Geburtstag habe ich endlich diesen Altphilologen und Schriftsteller wahrgenommen; seine wundervoll beschreibenden Romane sind hier und hier zu finden.
Diese augenzwinkernde und detailverliebte Beschreibung eines (nicht völlig grundlos) gestrengen Lehrers macht mir jedenfalls Lust auf nähere Lektüre:

Zitat
Wir standen in der tiefen Nische an einem offenen Fenster unseres Classenzimmers. In dem klösterlich stillen Schulhof lärmten die Spatzen, und einzelne Strahlen der Spätsommersonne glitten an den altersgrauen Mauern herab auf das grasumsponnene Pflaster; aus dem hohen, sonnelosen, mit der abgestandenen Luft einer ganzen Schulwoche erfüllten Zimmer tönte das Summen der leisen Zwiegespräche unserer Mitschüler, die, außer uns, bereits sämmtlich auf ihren Plätzen über ihren Sophokles gebeugt saßen und des Kommens des »Alten« harrten, das jeden Augenblick erfolgen konnte, denn das akademische Viertel war bereits verflossen.

»Im schlimmsten Falle brennst Du durch,« sagte ich, als jetzt die Thür aufging und er hereintrat.

Er – der Professor Doctor Lederer, Director des Gymnasiums und zugleich Ordinarius unserer Prima – in dem Schüler-Rothwelsch »der Alte« genannt – war eigentlich nicht gerade alt, sondern ein Mann in der zweiten Hälfte der Vierziger, dessen kleiner, bereits ergrauender Kopf auf einer steifen schneeweißen Halsbinde ruhte, und dessen sehr langer und wunderbar dürrer Leib Jahr aus Jahr ein, Sommer und Winter in einen Rock von feinstem glänzend schwarzen Tuch geknöpft war. Seine schlanken, äußerst sorgfältig gepflegten Hände mit den langen, spitzigen Fingern waren, wenn sie sich – was häufiger vorkam – dicht vor meinen Augen in nervöser Erregung hin- und herbewegten, stets der Gegenstand meiner bewundernden Aufmerksamkeit gewesen – ein paar Mal war ich der Versuchung kaum entgangen, plötzlich zuzufassen und dies Kunstwerk von einer Hand in einer meiner groben braunen Fäuste zu zerquetschen.

Professor Lederer legte den Weg von der Thür bis zum Katheder stets in zwölf gleichmäßigen, unendlich würdevollen Schritten zurück, Haupt und Augen ein wenig gesenkt, mit der strengen Miene concentrirtesten Nachdenkens, anzuschauen wie ein Opferpriester, der auf den Altar zuschreitet, oder auch wie Cäsar, der in den Senat geht, auf jeden Fall wie ein Wesen, das, weit entrückt der modernen plebejischen Sphäre, Tag für Tag in dem Lichte der Sonne Homer's wandelt und sich dieses wunderbaren Factums vollkommen bewußt ist. Deshalb war es auch nicht wohlgethan, den classischen Mann auf diesem kurzen Wege aufzuhalten; eine abwehrende Handbewegung war in den meisten Fällen die ganze Antwort; aber der sanguinische Arthur war so sicher, mit seinem Gesuche nicht abgewiesen zu werden, daß es ihm auf eine Chance mehr gegen ihn nicht eben ankam. So vertrat er denn dem Professor den Weg und brachte seine Bitte vor, von den Stunden des heutigen Tages – es war ein Sonnabend – dispensirt zu werden.

»Nimmermehr!« sagte der Professor.

»Behufs einer Vergnügungsfahrt,« sprach Arthur weiter, durch den grollenden Ton des gestrengen Mannes keineswegs eingeschüchtert – er war sehr schwer einzuschüchtern, mein Freund Arthur – »behufs einer Vergnügungsfahrt auf dem Dampfschiffe meines Onkels zur Exploration der Austernbänke, die mein Onkel vor zwei Jahren angelegt hat, wissen Sie, Herr Professor, ich habe auch ein Gesuch meines Vaters!« – Und Arthur producirte das betreffende Blatt.

»Nimmermehr!« wiederholte der Professor. Sein bleiches Gesicht war vor Zorn ein wenig geröthet; seine weiße Hand, von der er bereits den schwarzen Handschuh abgestreift hatte, war in einer oratorischen Geste gegen Arthur erhoben; seine blauen Augen hatten eine tiefere Färbung angenommen, wie Meerwasser, wenn ein Wolkenschatten darüber hinzieht.

»Nimmermehr!« rief er zum dritten Male; schritt an Arthur vorüber nach dem Katheder; erklärte, nachdem er stumm die weißen Hände gefaltet, daß er zu aufgeregt sei, um beten zu können, und nun kam eine gestotterte Philippika – der würdige Mann stotterte stets, wenn er aufgeregt war – gegen die Pest der Jugend: die Weltlust und Vergnügungssucht, der gerade Diejenigen, auf welchen der Geist Apollos und der Pallas Athene am wenigsten ruhe, am meisten verfallen seien. Er sei ein milder und humaner Mann und wohl des Dichterwortes eingedenk, daß man zur rechten Zeit, am rechten Ort den strengen Ernst fahren lassen, ja gelegentlich zechen und mit den Füßen im Tanz den Boden stampfen dürfe – aber dann müsse die Ursache der Wirkung angemessen sein; – ein Virgil müsse uns aus der Fremde heimkehren, eine Kleopatra durch ihren freiwillig unfreiwilligen Tod das Gemeinwohl von einer drohenden Gefahr erlöst haben. Wie aber könne jemand, der notorisch zu den schlechtesten Schülern gehöre, ja unbedingt der schlechteste sein würde, wenn ihm nicht Einer, der nach dieser Richtung unerreichbar sei – hier suchten des Professors blöde Augen mich – den Rang ablaufe, – wie könne ein Solcher nach einem Kranze greifen, welcher nur die vom Schweiße des Fleißes rieselnde Stirn kühlen dürfe! Sei er – der Redner – zu streng? er glaube nicht, obgleich niemand es inniger wünschen könne, als er, niemand sich inniger freuen würde, als er, wenn jetzt der hart Gescholtene den Beweis seiner Schuldlosigkeit sofort anträte und den herrlichen Chor der Antigone, welcher das Thema unserer heutigen Vorlesung sei, ohne Anstoß übersetzte. »Von Zehren, beginnen Sie!«

Hammer und Amboß, 1. Theil, 1. Capitel



[ Editiert von Administrator Leselust am 23.02.09 23:28 ]

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