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Dieses Thema hat 3 Antworten
und wurde 377 mal aufgerufen
 Hier wird vorgestellt und besprochen:
Leselust Offline



Beiträge: 2.098

17.07.2009 17:45
RE: Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) antworten

Einer der ganz großen Schriftsteller des Fin de Siècle war Hugo von Hofmannsthal.

Bei Lektüre der Reitergeschichte habe ich das Gefühl, da will jemand mit ganz wenig Zeit so genau wie möglich nicht nur die äußeren Umstände beschreiben, sondern auch das Seelenleben der Menschen. Die Atemlosigkeit der Geschichte paßt zu dem Wesen der Hauptfigur. Hofmannsthal erzählt eine traurige Begebenheit ohne Sentimentalität, fast als Berichterstatter - und teilt dem Leser mit großem Geschick beiläufig, durch die in all ihrer Knappheit meisterhafte und übergenaue Sprache, durch Beschreibungen, die wie beiläufig daherkommen, besonders durch die Beschreibung einiger Hunde - die schreckliche Unausweichlichkeit und die Moral der Geschichte mit.

Hier noch ein Gedicht, das ich sehr schön finde - obwohl ganz anders als die erwähnte Geschichte, ist auch dies "ganz Hofmannsthal", ohne überflüssige Worte.

Spaziergang

Ich ging durch nächtige Gassen
Bis zum verstaubten Rand
Der großen Stadt. Da kam ich
An eine Bretterwand

Auf einem öden Wall von Lehm.
Ich konnt nicht weiter gehen
Noch auch im klaren vollen Licht
Des Monds hinüber spähen.

Dahinter war die ganze Welt
Verschwunden und versunken
Und nur der Himmel aufgerollt
Mit seinen vielen Funken.

Der Himmel war so dunkelblau,
So glanz- und wunderschwer,
Als rollte ruhig unter ihm
Ein leuchtend feuchtes Meer.

Die Sterne glommen, als schauten sie
In einen hohen Hain
Mit rieselnden dunklen Wassern
Und rauschenden Wipfeln hinein.

Ich weiß nicht, was dort drüben war,
Doch wars wohl fort und fort
Nur öde Gruben Sand und Lehm
Und Disteln halbverdorrt.

Sag, meine Seele, gibt es wo
Ein Glück, so groß und still,
Als liegend hinterm Bretterzaun
Zu träumen wie Gott will,

Wenn über Schutt und Staub und Qualm
Sich solche Pracht enthüllt,
Daß sie das Herz mit Orgelklang
Und großem Schauer füllt?

[ Editiert von Administrator Leselust am 22.07.09 11:27 ]

Consus Offline




Beiträge: 49

18.07.2009 09:12
#2 RE: Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) antworten

Vielleicht nicht unpassend, im Anschluss an die Reitergeschichte Hugo von Hofmannsthals Heinrich von Kleists
Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege zu lesen.

[ Editiert von Consus am 18.07.09 9:13 ]

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

19.07.2009 14:06
#3 RE: Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) antworten

Die um einiges derber ist als die Reitergeschichte - und den Leser eher lachen als weinen läßt, obwohl ja beide Male ein Soldat aufgrund seiner Verfehlung erschossen wird.

[ Editiert von Administrator Leselust am 19.07.09 14:07 ]

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

22.07.2009 11:22
#4 RE: Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) antworten

Nach einem englischen Mysterienspiel und dem Vorbild anderer Stücke dieser Gattung schuf Hofmannsthal auch das bis heute oft gespielte Stück Jedermann um einen Menschen - oder eigentlich die Menschheit -, der plötzlich aus einem gewissenlosen Luxusleben gerissen wird und in der letzten Stunde verzweifelt nach einem Fürsprecher vor Gott sucht. Ein besonderer Kunstgriff in diesem Stück ist bereits die Namensgebung - es kommen keine persönlichen Namen vor, sondern Jedermanns Freundin heißt und ist Buhlschaft, sein Besitz heißt und ist Mammon, und Freunde, Verwandte, Mutter und Schuldner haben ebenfalls keine Namen, sondern nur Bezeichnungen, passend für jedermann.
Die Botschaft des Stückes, so fern uns die mittelalterliche Gerichtsvorstellung stehen mag, bleibt in ihrer Menschlichkeit aktuell: noch in der letzten Viertelstunde des Lebens ist eine Umkehr möglich.

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