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Dieses Thema hat 1 Antworten
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 Literaturgattung
Leselust Offline



Beiträge: 2.098

18.06.2006 12:31
RE: Kennzeichen der Romantik antworten

Trotz der üblichen Datierung hört die Romantik nicht mit der 1948er Revolution pünktlich auf. Vielmehr ist ihre Wirkung weit bis ins 20. Jh. zu spüren. Zur Romantik gehört eine große Begeisterung für das Mittelalter (bzw. das, was man für typisch mittelalterlich hielt); das äußert sich in einer latenten Wissenschafts- und Technikfeindlichkeit und leider auch in überhaupt nicht latentem Antisemitismus (schrecklich in Clemens Brentanos sonst so schönen Märchen; Brentanos Bösewichter sind immer Juden). Das ist - anders als im MA - nicht mehr "religiös" begründeter Antijudaismus, sondern "rassisch" begründeter Antisemitismus - mit katastrophaler Wirkungsgeschichte. Aber keineswegs alle Romantiker machten diesen Unfug mit (bei E.T.A. Hoffmann ist Antisemitismus Kennzeichen arroganter Dummköpfe).
Die schöneren Seiten der Romantik sind der phantasievolle Umgang mit Märchen und Sagen (nicht nur deutschen; eine große Orientbegeisterung gab es auch) und der bis in den Nonsense reichende Sprachwitz (auch hier ist Brentano unter den Deutschen ein Standardbeispiel). Gute und böse Mächte werden detailliert beschrieben, werden zu faßbaren Persönlichkeiten. Dabei ist das Gute fast immer das Stärkere - wie im Märchen eben. Zugleich gibt es eine starke Todessehnsucht - "der Tod als Freund" kommt geradezu in Mode (eines meiner liebsten Beispiele in Musik und Lyrik sind die Schubertlieder). Und dann wieder eine Form der Lebensbejahung durch die Abkehr von körperfeindlichen Moden (Korsett, Reifrock, weiße Perücken) und Hinwendung zu bequemer, körperbetonender Kleidung. Die Romantik ist eine vielschichtige Epoche, hin- und hergerissen zwischen Vorwärtssturm und Krebsgang.

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

23.11.2007 12:45
#2 RE: Kennzeichen der Romantik antworten

Edit:
In einem Anfall von Arbeitswut hatte ich übersehen, daß ich über diese Literaturgattung ja schon etwas geschrieben hatte, und den neuen Beitrag zudem ins falsche Unterforum gestellt. Ich hoffe aber, nicht allzu viel "doppelt gemoppelt" zu haben, sondern in diesen Beiträgen die Romantik von verschiedenen Seiten her zu beleuchten.
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Heute werden mit "Romantik" meist eher harmlose Dinge wie Kerzenschein und Händchenhalten assoziiert. Aber die Romantik als künstlerische Epoche war alles andere als harmlos.
Zwar siegt im romantischen Dichtermärchen meist das Gute. Aber einerseits besteht die Romantik ja nicht nur aus Märchen, wenn sie auch ein wichtiges Genre waren, und andererseits sind Literatur und Musik voll von Todessehnsucht und Todeserwartung. Der Mond spielt eine größere Rolle als die Sonne, Krähen und Raben fliegen unübersehbar über den romantischen Himmel, und wenn einmal von Nachtigall und Rose die Rede ist, ist das Ende ein sinnloser Opfertod. Das barocke memento mori wird in der romantischen Todessehnsucht auf die Spitze getrieben; die Literatur sieht Lebensüberdruß und Selbstmord nicht mehr als Sünde, sondern als Tragik.
Dann wieder scheint dem Romantiker das Leben oft nicht genug; in liebenswürdigster Weise wird alles auf die Spitze getrieben. Roms steinerne Engel genügen nicht; es müssen lebendige, singende Engel in goldenen Gewändern sein - die Welt, wie sie ist, muß romantisch verbessert werden (und ihre schlimmen Seiten verschlimmert mit psychologisch ausgefeilteren Hexen und Zauberern und Bösewichtern, als frühere Perioden zu bieten hatten). Liebe und Tod sind für die Romantik enge Freunde, und wer jemals auszog, das Gruseln zu lernen, hätte in einer Bibliothek des 19. Jahrhunderts schnell Erfolg gehabt.

[ Editiert von Administrator Leselust am 24.11.07 22:13 ]

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