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Leselust Offline



Beiträge: 2.098

24.09.2009 13:52
RE: Ludwig Palmer (1856-1931) antworten

1856 wurde Ludwig Palmer im württembergischen Schorndorf als Sohn eines Handwerkers geboren. Der Vater starb früh, die Mutter kränkelte; Palmer wurde, um Mutter und Schwester zu ernähren, Fabrikarbeiter. Dabei wendete er jede freie Minute an, um zu lesen - lernte die Dichter seiner Zeit auswendig und begann selbst, zu schreiben.
Ein kleiner Gedichtband wurde 1895 in Tübingen von einem Walter Kellerbauer herausgegeben (nicht zu verwechseln mit Walther Kellerbauer, dem Herausgeber eines Naziblattes).
Die Gedichte von Palmer sind einerseits purer Kitsch, andererseits wirklich gekonnt - Palmer begeht keine metrischen Fehler; man merkt den Gedichten an, daß der Autor die zeitgenössische Lyrik gut kannte. Sein Herausgeber schreibt im Vorwort:

Gegenwärtig lebt der Dichter mit seiner Familie in seiner Geburtsstadt, wo er in einer Eisenmöbelfabrik arbeitet. Seine drückende Lage wird ihm kaum gestatten, die Leistungsfähigkeit seines Talentes ganz zu erproben, seine dichterischen Anlagen ganz zu entfalten. Deshalb wünschte ich, ich könnte ihm einen größeren Dienst thun, als ich ihm mit der Herausgabe dieser Sammlung geleistet habe; jetzt habe ich für ihn nur den Wunsch, daß ihm noch ein besseres Los bescheert werden möge; es ihm selbst zu bereiten, reichen meine Kräfte nicht hin.

Palmer steht exemplarisch für unzählige Begabte, deren soziale Lage ihnen die Entfaltung ihrer Anlagen nicht erlaubte.

Gebunden

Wie gerne möcht' ich oft entfliehen
Zu dir, du Waldeseinsamkeit,
Du Welt voll schöner Phantasien,
Voll seliger Vergessenheit.
Wie sehn' ich mich, von mir zu drängen
Des Lebens eiteln Trug und Schein,
Die Fessel, die mich hält, zu sprengen
Und einmal wieder Mensch zu sein!

Umsonst! Ich bin ins Joch geschmiedet
Im dunstigen Maschinensaal,
Und in dem Drang, der da sich bietet,
Verschmachtet jedes Ideal.
Um kargen Lohn ein hartes Ringen
Vom Morgen bis zum Abend spät;
Nur flüchtig darf der Geist sich schwingen
Hinaus, wo Gottes Odem weht.

Das ist, bei allem unfreiwillig komischen Pathos, eine herbe Anklage der unbarmherzigen Ausbeutung.
Was mich an diesem Dichter besonders freut, ist die Kampfansage an eine andere unheilvolle Geisteshaltung, die in seiner Zeit keineswegs selten war und zum Beispiel von Ernst Moritz Arndt gutgeheißen wurde.

O halte Rast!

Du Perle vom gelobten Lande,
Du schönes Kind aus Judas Stamm,
Du Myrtenzweig vom Jordanstrande,
Du unschuldsvolles Opferlamm!
Komm, flüchte dich auf meine Schwelle,
Hier sucht dich der Verfolger nicht;
Eh' sendet ihn mein Arm zur Hölle,
Eh' er dich Rosenknospe bricht.

Die Mutter, die dich einst geboren,
Ruht wohl schon längst im stillen Grab;
Drum irrst du, in der Welt verloren,
So freudlos ohne Licht und Stab;
Und keines Vaters Hände bringen
Dich, du Verlassne, heimatwärts;
Mit der Versuchung mußt du ringen,
Die hart bestürmt dein reines Herz.

Es hat fanatische Verblendung
Entfacht des blinden Pöbels Wut;
Ich sah der Heiligtümer Schändung,
Zum Himmel schreit vergossnes Blut!
Gar viele deiner Volksgenossen
Sind müdgehetzt und heimatlos;
Dir hat sich ein Asyl erschlossen:
O flüchte dich in meinen Schoß!

Vertraue mir, du zarte Taube,
Du sollst nicht länger schutzlos sein;
Dir bleibt dein Volk, dir bleibt dein Glaube,
Und was du siehst, ist alles dein.
Was schweifst du irrend in der Ferne?
Hier find'st du dein gelobtes Land!
O folge deinem guten Sterne,
Und fasse meine Retterhand.


Auch wenn das wahrlich triefender Kitsch ist, bleibt es eine klare Kampfansage an Fanatismus jeder Art und besonders an den Antisemitismus; da steht klar die Aussage: Der Verfasser will keine Gewalt, aber wenn sich jemand an einem Hilflosen vergreift, bekommt er es mit seinen Fabrikarbeiterarmen zu tun. Allein dafür hat dieser Dichter verdient, daß man ihn zur Kenntnis nimmt.

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