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Leselust Offline



Beiträge: 2.098

25.09.2009 10:05
RE: Paul Heyse (1830-1914) antworten

Als letzter Dichterfürst wurde Paul Heyse von manchen Zeitgenossen angesehen - heute kennt man ihn kaum noch, er ist aus den Schulbüchern, so weit ich weiß, verschwunden.
Verdient hat er Besseres, und immerhin weiß eine wichtige Netzbibliothek das.
Ich bin selbst nicht gut vertraut mit diesem Dichter, habe nur einmal an anderem Ort ein Frühlingsgedicht von ihm zitiert - und finde es an der Zeit, sich näher mit ihm zu beschäftigen.
Eine entzückend sentimentale und doch an keiner Stelle kitschige Novelle - zugleich wohl ein tatsächliches Stück seiner Familiengeschichte - gibt einen schönen Einblick in jüdisches Leben im Deutschland des 19. Jahrhunderts.

Das Gedicht mit dem Titel einer Prosagattung faßt nicht etwa die oben genannte Novelle zusammen - aber ein Schicksal, wie andere Autoren es auf Romanlänge gedehnt haben.

Novelle

Sie kannten sich beide von Angesicht,
Sie sprachen sich nie und liebten sich nicht.
Er nahm ein Weib, das die Mutter ihm wählte,
Als sie sich mit einem Vetter vermählte.

Er war zufrieden mit seinem Los;
Sie wähnte sich recht in des Glückes Schoß.
Nur manchmal, zur Zeit der Fliederblüte,
Was wollte da knospen in ihrem Gemüte?

Und einst nach Jahren am dritten Ort
Da sagten sie sich das erste Wort,
Am selben Tische zum ersten Male –
Der Flieder duftet' herein zum Saale.

Was er sie gefragt, was sie ihm gesagt,
Es war nicht neu und war nicht gewagt;
Doch plötzlich, mitten im Plaudern und Scherzen,
Erschraken sie beide im tiefsten Herzen.

Sie hatten mit tödlichem Staunen erkannt,
Wie seltsam eins das andre verstand,
Auch das, was beiden im stillen Gemüte
Erwachte zur Zeit der Fliederblüte.

Sie sahen sich an einen Augenblick
Und sahn einen Abgrund von Mißgeschick,
Dann blickten sie weg, und beide verstummten,
So munter rings die Gespräche summten.

Drauf ging sie nach Haus mit dem eigenen Mann,
Er führte sein Weib, so schieden sie dann
Und sagten, sie würden sich glücklich schätzen,
Die werte Bekanntschaft fortzusetzen.

Doch wie er am andern Morgen erwacht,
Was hat ihn so bitter lachen gemacht?
Und wie sie auffuhr von ihrem Kissen,
Was hat sie so heimlich weinen müssen?

Sie haben sich niemals wiedergesehn,
Sie wußten sich klug aus dem Weg zu gehn.
Nur immer zur Zeit der Fliederblüte
Wie Spätfrost schauert's durch ihr Gemüte.


Die Kürze eines einzigen Distichons genügte Heyse, um Bedenkenswertes beim Anblick eines Marmorbildes in Rom zu sagen:

Der sterbende Fechter

Wofür hat er gekämpft? Gleichviel! Und war's um gemeinen
Taglohn - vornehm erscheint immer im Sterben der Mensch.




[ Editiert von Administrator Leselust am 25.09.09 10:06 ]

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