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Dieses Thema hat 2 Antworten
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Leselust Offline



Beiträge: 2.098

29.09.2009 10:35
RE: Ferdinand von Saar (1833-1906) antworten

Ein sozialkritischer und von Menschlichkeit geprägter klarer Geist und scharfer Beobachter war der Wiener Ferdinand von Saar, dabei kein Glücklicher.
Seine Erzählungen enthalten hier und da phrasenhafte Formulierungen -

Zitat
In der Tat sprach sich in ihren etwas scharf geschnittenen Zügen ein fester, unbeugsamer Wille aus, und in der Lippenbildung des rosigen Mundes lag eine gewisse Härte, während die dunklen Augen ebenso bereit erschienen, in eisiger Verachtung zu blicken wie rasche Zornblitze zu schleudern. Es waren, das fühlte man, vernichtende Augen für alle diejenigen, welche von ihnen nicht gerne gesehen wurden, wenn sie vielleicht auch sonst das süßeste Feuer leidenschaftlicher Zärtlichkeit auszustrahlen vermochten.

(Vae victis!; enstanden 1883)



- dennoch darf man ihn unter die großen realistischen Erzähler einordnen, an denen Österreich ja keinen Mangel hat.

Erstaunlich modern klingt es in der Erzählung Die Geigerin - trotz oder vielleicht gerade wegen Saars liebenswürdigem Bekenntnis zum Altmodischen:

Zitat
Vor zwei riesigen Buchen, welche mit ihren herbstlich gefärbten Wipfeln auf dem Boden lagen, blieben wir stehen. »Wie schade um die prachtvollen Bäume!« sagte ich.

»Eine wahre Sünde«, erwiderte er, »das frische, bIühende Leben zu verwüsten, um irgendeine geschmacklose Anlage an die Stelle zu setzen. Ich sehe schon im Geiste die ganze liebliche Wildnis vernichtet, das letzte Stückchen Grün vertilgt und auf der trostlosen Ebene eine Masse nüchterner Häuser stehen, zwischen welchen ein qualmender Eisenbahnzug dahinbraust. – Aber«, fuhr er nach einer Weile fort, »das ist im Grunde doch nur Sentimentalität. Alles vollzieht sich nach dem eisernen Gesetze der Notwendigkeit. Der Prater wird so lange erhalten bleiben, als er ein Bedürfnis ist. Eine Reit- und Fahrbahn wird sich überall finden lassen, und das Volk kann sich auch anderswo beim Biere vergnügen!«



In dieser Erzählung trägt übrigens die Figur des Alexis, der als ein ziemlicher Nichtsnutz und als der eigentliche Grund für den Selbstmord einer jungen Musikerin dargestellt wird, deutlich autobiographische Züge - wie der Autor macht er in seiner Militärzeit erhebliche Schulden und entscheidet sich danach für eine Künstlerlaufbahn.

Als Lyriker hat v. Saar teils gute konventionelle Gedichte geschrieben, teil argen Kitsch, teils auch liebenswürdige und respektable Kunst wie sein in sapphischer Strophe gehaltenes Gedicht auf einen Dichterkollegen:

Grillparzer

Aufragt jetzt sein Denkmal im Laubgehege,
Das er oft durchschritten gedankengramvoll,
Einsam in dem Straßengewühl der Stadt – und
Einsam im Grünen.

Damals war der Garten noch schlicht und prunklos,
Schatten gab er wenigem Volk nur, das sich
Fernab hielt den Höh'n der Bastei und jenem
Schmuckeren Gärtchen,

Wo sich schöne Frau'n und gezierte Dandys
Äugelnd fanden und bei Musik im Rundgang
Plaudernd schritten, oder vergnüglich Fruchteis
Schlürften und Kaffee.

Unten aber, wipfelumdunkelt, saßen
Stumpfen Sinnes strickende Weiber, dralle
Mägde, Wickelkinder betreuend, neben
Hüstelnden Greisen.

Abseits, auf den Stufen des Theseustempels,
Tollten schlecht gehütete Rangen, furchtlos
Vor des Wächters drohendem Stäbchen, das sich
Niemals bewährte.

Ja, das schien wahrhaftig der Ort für den schon
Halb vergess'nen Dichter der Sappho, der sein
Undankbares Vaterland leid- und schmerzvoll
Liebte wie keiner.

Ungleich seinem mächtigen Zeitgenossen,
Der da trotz'gen Mutes der Welt nur hinwarf,
Was in Tönen stolz er geschaffen, achtlos
Lobes und Tadels:

Ward mit jedem Tag der Verkennung langsam,
Tropfenweis verbittert das Herz ihm – und so
Floh er menschenscheu aus dem Treiben zu dem
Zwiespalt im Busen.

Drum auch wünscht' ich nimmer als Bild so frei ihn
Hingestellt der glotzenden Neugier und dem
Seichten, selbstgefälligen Spruche wohlfeil
Preisender Schwätzer.

Nicht umgeben – sichtbar wie auf dem Jahrmarkt –
Von den Lichtgestalten, die fast verschämt er
Freigab aus den Tiefen der Seele, stets noch
Zögernden Geistes:

Nein, abseits vom Pfade, vereinsamt jetzt auch,
Abgewandt mit traurig gesenktem Haupte,
Aufgesucht von wenigen nur im Schatten
Hoher Gebüsche.

martinmehner ( gelöscht )
Beiträge:

29.10.2009 16:32
#2 RE: Ferdinand von Saar (1833-1906) antworten

Rührend...


Was für Mühe, zugewandt dem Kollegen,
Verse drechselnd unter dem Antlitz des Denkmals,
hoffend vielleicht, dass späte Klage noch hörbar,
oder vielmehr, sich eingravierend verbreite
in spät're Zeiten.

Feines Forum das...
Gruß, Martin

Leselust Offline



Beiträge: 2.098

30.10.2009 23:47
#3 RE: Ferdinand von Saar (1833-1906) antworten

Guten Tag, Martin - willkommen auf dem Forum!

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