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  • Thema von Leselust im Forum Literaturgattung

    Trotz der üblichen Datierung hört die Romantik nicht mit der 1948er Revolution pünktlich auf. Vielmehr ist ihre Wirkung weit bis ins 20. Jh. zu spüren. Zur Romantik gehört eine große Begeisterung für das Mittelalter (bzw. das, was man für typisch mittelalterlich hielt); das äußert sich in einer latenten Wissenschafts- und Technikfeindlichkeit und leider auch in überhaupt nicht latentem Antisemitismus (schrecklich in Clemens Brentanos sonst so schönen Märchen; Brentanos Bösewichter sind immer Juden). Das ist - anders als im MA - nicht mehr "religiös" begründeter Antijudaismus, sondern "rassisch" begründeter Antisemitismus - mit katastrophaler Wirkungsgeschichte. Aber keineswegs alle Romantiker machten diesen Unfug mit (bei E.T.A. Hoffmann ist Antisemitismus Kennzeichen arroganter Dummköpfe).
    Die schöneren Seiten der Romantik sind der phantasievolle Umgang mit Märchen und Sagen (nicht nur deutschen; eine große Orientbegeisterung gab es auch) und der bis in den Nonsense reichende Sprachwitz (auch hier ist Brentano unter den Deutschen ein Standardbeispiel). Gute und böse Mächte werden detailliert beschrieben, werden zu faßbaren Persönlichkeiten. Dabei ist das Gute fast immer das Stärkere - wie im Märchen eben. Zugleich gibt es eine starke Todessehnsucht - "der Tod als Freund" kommt geradezu in Mode (eines meiner liebsten Beispiele in Musik und Lyrik sind die Schubertlieder). Und dann wieder eine Form der Lebensbejahung durch die Abkehr von körperfeindlichen Moden (Korsett, Reifrock, weiße Perücken) und Hinwendung zu bequemer, körperbetonender Kleidung. Die Romantik ist eine vielschichtige Epoche, hin- und hergerissen zwischen Vorwärtssturm und Krebsgang.

  • Thema von Leselust im Forum Literaturgattung

    Der Realismus löst nicht einfach die Romantik ab, sondern beide existieren eine Zeitlang nebeneinander, überschneiden sich teilweise.
    In Reinform beschreibt der Realismus das Leben, wie es nun einmal ist. Es gibt nicht mehr hier den Guten, da den Bösen, sondern überall den Schwachen, der das Gute will und nicht schafft, der aus ursprünglich guter Intention schlecht handelt, der an der feindlichen Umwelt zerbricht. Die Industrie schuf Elendsquartiere, Mediziner begriffen die Bedeutung von Hygiene und konnten zusammengepferchten Arbeiterfamilien trotzdem nicht helfen, Alkohol war als billiger Tröster zu haben, und keine Revolution hatte den Arbeitern, den Arbeitslosen, den Armen, den Frauen dauerhaft Rechte verliehen. Daneben gab es korrupte Beamte, unfähige Staatsoberhäupter, grauenhafte Gefängnisse... Das sind die Zutaten vieler realistischer Erzählungen und Romane des 19. Jhs.
    Sozialkritik in höheren gesellschaftlichen Sphären übten Autoren wie Jane Austen, in deren Romanen Frauen der Oberschicht klarstellen, daß sie keine netten Männeranhängsel sind.

  • Und sie legte ihr Köpfchen an die breite Schulter des geliebten Mannes, um endlich, endlich an seiner Seite alle Schmerzen der Welt zu vergessen...
    So oder ähnlich hören übergenug Erzählungen auf, und damit fange ich eine öffentliche Untersuchung des Themas an. Der Kitsch ist keine fest umrissene, klar definierbare Gattung; es ist sehr subjektiv, was als Kitsch empfunden wird. Schlimm-komische Blüten des Kitsch trieb vor allem das 19. Jh. und die erste Hälfte des 20. Jhs. Aber nicht nur lächerlich ist Kitsch, sondern oft auch unterdrückerisch und aggressiv. Bereits die Sucht, alle weiblichen Körperteile zu verkleinern - die Heldin hat nur Händchen, Füßchen, ein Köpfchen mit Äuglein, einem Näschen und Löckchen - deutet auf Tendenzen der Unterdrückung: das Weibchen ist schutzbedürftig, der Mann groß und stark. Daß mit der tatsächlichen muskulären Unterlegenheit eine angebliche geistige einhergeht, versteht sich von selbst - der Ausdruck "das schwache Geschlecht" ist m.E. vor der Romantik nicht nachweisbar.
    Ähnlich simpel gestrickt sind Vorurteile über Völker - der Franzose ist leichtlebig, der Italiener lebensfroh und kunstsinnig, der Deutsche pflichtbewußt und treu, der Indianer edel, der Inder weise, der Jude geldgierig, der "Neger" einfach gestrickt und abergläubisch... und so weiter. Vorurteile können auch positiv klingen wie der Topos vom "edlen Wilden", das ändert an ihrem geringen Wahrheitsgehalt nichts und auch nicht an der latenten Gewaltbereitschaft des Vorurteils: irgend eine Gruppe (sehr oft Juden und Frauen) kommt immer am schlechtesten weg. Gefährlich wird Kitsch dann, wenn mit einfachen, hoch suggestiven Bildern Öffentlichkeitsarbeit betrieben wird - mit Kinderbüchern, Plakaten, populären Schriften, aber auch mit pseudowissenschaftlichen Aussagen. Kitsch ist nicht nur eine komische Entgleisung - er ist oft brandgefährlich.

  • Maupassant muß wie wild gearbeitet haben - sein Werk ist, gemessen an seinem kurzen Leben, riesig. Er läßt uns lachen und weinen über menschliche Unzulänglichkeiten - manchmal beides zugleich - und schildert bei fortschreitender Krankheit immer eindrücklicher Ängste und Verzweiflung, besonders in seiner Erzählung "Der Horla", die ein unfaßbares, schreckenerregendes Phantom beschreibt. In der Erzählung "Sur l'eau" ("Auf dem Wasser") wechselt meisterhafte Naturschilderung mit gleichartiger Beschreibung der wechselnden Seelenzustände eines Mannes, der in einem Boot auf dem Fluß übernachtet. Dabei sind Naturerscheinungen wechselnd Spiegelbild und Kontrast zu seinen Gefühlen: Begeisterung, Langeweile, Ärger und Angst, Bewunderung der Natur und Entsetzen. Das grausige Ende der Geschichte ist ein einziger kurzer Satz, ohne wertende oder beschreibende Adjektive.
    Über das Landleben in der Normandie hat Maupassant mehrere kurze Erzählungen geschrieben - wer sich nach dem friedlichen Leben auf dem Lande sehnt, wird hier eines besseren belehrt. Seine Bauern sind geizig, rachsüchtig, habgierig, ihr ärmliches Leben hart und eintönig.
    Aber auch rührende Liebesgeschichten - höchst realistisch und doch zum Heulen schön - schrieb er. Mein Favorit ist "Simons Papa", die Geschichte eines unehelichen Jungen, der verspottet wird und sich mit großer Hartnäckigkeit einen "Papa" sucht.
    Wer Maupassant lesen will und sich nicht gleich an seine großen Romane wagt, ist mit den vielen verschiedenen Erzählungen gut bedient. Übrigens ist sein Französisch gut lesbar - man muß nicht Romanistik studiert haben, um Maupassant im Original zu lesen.

  • Dunkel, dunkel im Moor,
    Über der Heide Nacht,
    Nur das rieselnde Rohr
    Neben der Mühle wacht,
    Und an des Rades Speichen
    Schwellende Tropfen schleichen.

    So beginnt eines meiner Lieblingsgedichte, Das Hirtenfeuer. Ähnlich suggestiv und dabei sachlich genau sind all ihre Naturbeschreibungen.
    Die Droste schrieb eigentlich immer, wenn sie nicht durch Krankheit oder familiäre Pflichten (als Unverheiratete wurde sie bei Bedarf eingespannt) gehindert wurde. Alles, was sie sah, fühlte, glaubte, dachte, erlebte, wurde ihr zur Literatur. Leider gibt es außer der historisch-kritischen Ausgabe keine vollständige Edition ihrer Werke. Alles, was sie mit unter 24 Jahren schrieb, sowie ihre unvollendeten Epen und Geschichten sind bis heute nur in der historisch-kritischen Ausgabe zu lesen. Dabei ist z.B. das unvollendete Versepos "Bertha" ein großartiges Werk, grundlegend für viele spätere Arbeiten der Droste.
    Die Droste war tief religiös, was sich in einer Vielzahl religiöser Gedichte spiegelt, sehr selbstbewußt und selbstkritisch dazu, klug und perfektionistisch in ihrem literarischen Schaffen - und zuweilen (z.B. in ihren leider auch nur in der hist.krit. Ausgabe edierten Briefen) sehr komisch. (Über die Schweizer schrieb sie: "Sie laufen drei Meilen bergauf, um sechs Kreuzer zu verdienen, aber umsonst strecken sie nicht die Hand aus, um dir zu zeigen, daß dein Haus brennt.")
    Es lohnt sich in jedem Fall, die Droste zu lesen - und zwar mehr als die beiden Werke, die im Gymnasium auf dem Lehrplan stehen: "Der Knabe im Moor" und "Die Judenbuche", ersteres ein schaurig-schönes Gedicht, letzteres ein realistischer Kriminalroman. Aber trotz der ganz unbestreitbaren Qualität dieser Werke finde ich es schade, daß deutsche Schulen genau diese beiden Droste-Werke vorstellen und sonst keines (nicht einmal das Droste-Hülshoff-Gymnasium in Berlin).

  • Drei entzückende Kinderbücher, die Erwachsene ohne Scheu und mit Gewinn lesen können, verdanken wir dieser Frau:
    Der kleine Lord, die Geschichte eines kleinen Jungen, der die ersten sechs Jahre seines Lebens in Amerika verbringt. Sein Vater ist tot, seine Mutter zieht ihn mit viel Liebe und wenig Geld groß. Der bärbeißige adlige Großvater holt beide nach England, eigentlich nur, um seinen eigenen Stolz zu pflegen - und der Kleine ist in einer Weise herzlich, freundlich und arglos, daß er das Herz des alten Knurrers gewinnt. Eine Geschichte, die zu Herzen geht, ohne kitschig zu sein, weil die Autorin psychologisch genau ist und den grimmigen Alten keineswegs am Schluß zum Erzengel macht.
    Sarah, die kleine Prinzessin beschreibt die Tochter eines britischen Offiziers in Indien, der sie nach dem Tod seiner Frau zunächst allein erzieht und dann in ein Internat nach England bringt. Das verwöhnte, kluge, hübsche, dabei freundliche Mädchen ist zunächst der Star der Schule. Dann läßt der Vater sich auf Geschäfte mit einer Diamantmine ein, macht Konkurs und stirbt. Sarah ist mittellos und wird von der hartherzigen Heimleiterin als Dienstmagd schikaniert. Wie sie sich damit versucht, zurechtzufinden, und wie märchenhaft sie dieser Misère entkommt, beschreibt das Buch. Auch hier vermeidet die Autorin das Abgleiten in den Kitsch, weil Sarah kein unberührter Engel bleibt, sondern an Ungerechtigkeit und Not leidet und seelisch beeinflußt wird. Das zauberhafte Ende wird von liebe- und humorvollen Menschen herbeigeführt, die ihrerseits auch glaubwürdig sind.
    Der geheime Garten ist mein Lieblingsbuch unter diesen dreien. Auch hier geht es um ein in Indien geborenes englisches Mädchen, aber diesmal das unsympathische Kind gleichgültiger Eltern. Als die Cholera ausbricht, überlebt das Mädchen als einzige und wird zu einem verbitterten und schrulligen Onkel auf einem englischen Adelssitz gebracht. Die Entdeckung des geheimgehaltenen ummauerten Gartens ist der Anstoß zu einer gesunden Entwicklung: aus dem kränklichen, unsympathischen, lieblosen Gör wird durch die heimliche und begeisterte Arbeit in dem verwilderten Garten ein gesundes, fröhliches und freundliches Kind - und nicht nur ein Kind profitiert davon. Ein schöner Entwicklungsroman, in dem der Garten für altruistisches und gesundes Leben steht.

  • Thema von Leselust im Forum Plauderecke

    Gerade bin ich mal wieder bei Frances Hodgson Burnett, Der geheime Garten. Steht übrigens auch unter ENGLAND. So ein schönes Buch - eines von der Sorte, die ich ab und zu mal wieder lese.
    So Bücher, die Ihr immer mal wieder lest - habt Ihr die? Oder seid Ihr "Einmal-Leser"?

  • Tschechow
    schrieb neben Dramen und Romanen eine Unzahl an kurzen Erzählungen. Sie spielen immer zu seiner Zeit, aber unter ganz verschiedenen Menschen: Armen und Reichen, Dummen und Klugen, Freundlichen und Boshaften. Dabei vermeidet Tschechow jede Art der Schwarzweißmalerei: seine Unsympathen sind durch Erziehung und soziale Umstände so geworden, und die "Guten" sind keineswegs immerzu heiligmäßig. Seine besondere Sympathie gilt den Frauen, den Armen, den Schwachen. Mit herrlicher Bissigkeit und gleichzeitig tiefer Menschlichkeit schildert er Torheit und Versagen seiner Zeitgenossen.
    Den schwächeren seiner Kurzgeschichten merkt man zwar an, daß er sie mit heißer Feder schrieb, und die Miete bezahlen zu können - denn vor seinem literarischen Durchbruch, der ihn zum wohlhabenden Mann machte, war er auf Auftragsarbeiten für Zeitungen angewiesen. Aber selbst diese zeigen seinen virtuosen Umgang mit der Sprache - und seine Sympathien für die Kleinen. Hinreißend komische Geschichten schrieb er ebenso wie unendlich traurige - aber niemals sind die komischen ohne herbe Kritik an menschlichem Verhalten, und die traurigen und düsteren sind nie ohne Sprachwitz.
    Ein junger Mann kommt in der Weihnacht von einer spiritistischen Sitzung und findet in seiner Wohnung einen Sarg. Ein Mann hat seine Frau betrogen und findet einen Säugling vor seiner Tür. Ein Mann wurde von seiner Frau betrogen und geht eine Pistole kaufen... Und alles kommt anders, als man glaubt, ist unvorhersehbar komisch oder schrecklich - oder beides.

  • Gottfried Keller ist ein Realist selbst da, wo er Märchen schreibt und Legenden erzählt.

    Spiegel, das Kätzchen

    - ein Kater, der den bösen Zauberer Pineiß überlistet - ist vernunftgesteuert und witzig, ebenso wie die Heiligen seiner Sieben Legenden.

    Im Entwicklungsroman
    Der grüne Heinrich

    wird der sympathische Held vor allem von Frauen "zur Vernunft gebracht". Überhaupt sind die Frauenfiguren bei Keller - ob es nun die himmlische Jungfrau Maria ist oder die höchst irdische Judith im Grünen Heinrich - meist in hohem Maße vernünftig und emanzipiert, lassen sich Ungerechtigkeiten nicht bieten und leben ein selbstbestimmtes Leben. Selbst die "Ursula" in den Zürcher Novellen, die einer Sekte verfällt und ihre Vernunft preisgibt, folgt am Ende wieder der eigenen Vernunft, auch wenn dies Ende äußerlich ganz klassisch anmutet: ihr Freund befreit sie aus den Fängen der Sekte, und sie verloben sich. Aber tatsächlich gelingt diese Befreiung eben deshalb, weil sie Vernunft hat, und daß die Liebe das letzte Wort hat, ist für Keller (hoffentlich nicht nur für ihn!) sehr vernünftig.
    Für den calvinistisch geprägten Keller ist Vernunft eine Gottesgabe, deren Pflege dem Menschen obliegt.
    Feiner Humor und sprachlicher Witz prägen Kellers Werke. Als Lyriker hat er sich auch betätigt, aber seine eigentliche Gabe ist eindeutig die novellenhafte Erzählkunst.

  • Brauchen wir geblümte Teetassen? Nippes? Poesiealben?
    Gilbert Keith Chesterton, der Autor der Pater-Brown-Krimis und ganz sicher kein Kitschkopf, schrieb die "Verteidigung des Schundromans". Er sagt darin, es sei doch gar nicht übel, zu schreiben, daß Mut gut und Gemeinheit schlecht ist. Der Kitsch zeige die Dinge eben, wie sie sein sollten, und wenn er das mit Mitteln tut, die auch einfach gestrickte Menschen verstehen, so sei das doch gut.
    Chesterton hat damit sicher nicht völlig unrecht. Aber auch nicht uneingeschränkt recht - zu leicht beeinflußt die einfache Welt des Kitsches die so viel kompliziertere und empfindlichere Welt unserer Gedanken, führt zu Schwarz-Weiß-Malerei. Das heißt nicht, daß wir jetzt alle Porzellanengelchen, Spieluhren und Fibelgeschichten verbannen sollen. Aber hüten wir uns, sie mit der realen Welt zu verwechseln! Abgesehen davon hat unser Hirn eine zwar große, aber nicht unbegrenzte Kapazität. Hüten wir uns, es mutwillig mit kitschiger Literatur zuzustopfen! (Wenn es doch Tschechow gibt und Keller und die Droste.)

  • Mary Shelleys Frankenstein, die beängstigende Geschichte des künstlichen Menschen, den schlechte Behandlung zum Ungeheuer macht, ist zwar noch nicht viktorianisch - aber er deutet schon auf diese Epoche hin. Der viktorianische Schauerroman par excéllence ist Bram Stokers Dracula. Beide Werke verbindet die scheinbare Wissenschaftlichkeit: das geisterhafte Grauen widerfährt nicht Menschen einer fernen Märchenzeit, sondern gebildeten Zeitgenossen, dem Arzt Frankenstein, dem Juristen Harker. Es widerfährt nicht unvermittelt, sondern mit Grund und Ursache. Das Böse hat nachvollziehbare Gründe (Verachtung und schlechte Behandlung des Frankensteinschen Kunstmenschen) oder wenigstens eine recherchierbare Geschichte (die Person des Grafen Vlad Dracul sowie die gespenstischen Überlieferungen der Bevölkerung, denen ein wahrer Kern zugrunde liegt). Die Entwicklung des gutmütigen, liebebedürftigen Kunstmenschen zum mörderischen Bösewicht ist logisch: der abstoßend häßliche Kunstmensch wird so lange schlecht behandelt, seine Freundlichkeit so lange übersehen, bis er endlich aus Verzweiflung böse wird. Die Vampirgeschichte ist weniger faßbar, wird aber mit wissenschaftlicher Akribie behandelt.
    Das Genre des Schauerromans war beliebt - und natürlich in jeder Qualität von großer Literatur bis Schund vorhanden (die Groschenhefte kamen in jener Zeit auf). Auch anderswo als in Großbritannien fand Schauerliteratur statt (z.B. in Amerika mit E.A. Poe, in Deutschland mit E.T.A. Hoffmann) - aber Großbritannien mit seiner seit alters hohen Geisterpopulation ist ihre eigentliche Heimat.

  • Was geschieht, wenn... ist die Frage, die fast allen Märchen des Märchendichters und christlichen Apologeten George MacDonald vorangeht. Was, wenn ein Mädchen nie die Sonne und ein Junge nie die Dunkelheit sieht - und die beiden sich treffen? Was, wenn eine Prinzessin der Schwerkraft nicht unterliegt? Was, wenn eine Frau mit dem Mondzyklus altert, so daß sie bei Vollmond gesund, schön und jung ist, bei Neumond uralt und gebrechlich?
    Macdonalds Märchen sind von der schottischen und irischen Sagenwelt beeinflußt und haben einen eigenen, zuweilen fröhlich-anzüglichen Sprachwitz. (So ist die schwerelose Prinzessin "the light princess", also die leichte Prinzessin, was im Englischen genau die gleiche freche Doppeldeutigkeit besitzt wie im Deutschen - und mit dieser Doppeldeutigkeit spielt M. das ganze Märchen hindurch.) Die Märchen sind von einem ebenso heiteren wie ernsten Christentum geprägt, ohne frömmlerisch zu sein; ein fester Glaube an Vergebung aller Schuld und Erlösung aus allen Nöten ist Macdonalds Grundtenor. Auch der Märchenroman Phantastes ist eine Erlösungsgeschichte.
    Leider gibt es von MacDonald z.T. sehr schlechte Übersetzungen, die seinem hinreißenden Sprachwitz nicht gerecht werden.

  • Das novellenhafte Schauermärchen über Schuld und Sühne,

    Die schwarze Spinne ], ist wohl das bekannteste Werk Gotthelfs - meiner Meinung nach auch das schönste. Literarisch erreicht Gotthelf bei weitem nicht den Rang seines Landsmannes Keller, zu leicht entgleist ihm seine moralisierende Literatur in die Frömmelei.

    Die Geschichte
    Wie Joggeli eine Frau sucht - in der ein junger Mann Frauen auf hinterhältige Art bespitzelt, um zu erfahren, ob sie gute Ehefrauen abgeben könnten (und das findet der Autor auch noch richtig!) - ist rundheraus ärgerlich. Aber vieles von Gotthelf ist hübsch zu lesen, und sein virtuoser Umgang mit schwyzerdüetschen Idiomen macht Freude. Das Wort "wirbelsinnig" für verwirrt ist doch unmittelbar einleuchtend!

    NS Geschichten sind hinterlegt

    [ Editiert von Administrator Gem-ini am 30.06.06 23:28 ]

  • Auch wenn Roth zeitlich nur noch so gerade eben auf diese Homepage paßt, ist er mir zu bedeutend, ihn außen vor zu lassen. Ein klarsichtiger Journalist und warmherziger Schriftsteller mit virtuosem Sprachgebrauch, schrieb er Essays ebenso wie Romane und Novellen. Die Legende vom heiligen Trinker ist die eindrucksvolle Beschreibung eines Säufers - man merkt, daß Roth wußte, wovon er schrieb (er war schwer alkoholkrank). Der Roman Radetzkymarsch ist ein Abgesang auf die Donaumonarchie, die traurige Geschichte eines jungen Mannes, der an Monarchie und Militär glaubt. Hiob - Roman eines einfachen Mannes schildert das scheiternde Leben eines armen Juden. Das wunderbar versöhnliche Ende nimmt der Geschichte nicht ihren Ernst - und zugleich, wie immer bei Roth, wird noch der brutalste Ernst mit feinem sprachlichen Humor geschildert.
    Roth hat in seinem kurzen Leben sehr viel und sehr Verschiedenartiges geschrieben - immer in seinem unverwechselbaren Stil, immer sehr lesenswert.

  • Der Novellenzyklus
    Bunte Steine

    beschreibt in realistischer Weise die Schicksale ganz verschiedener Menschen. Hintergrund bildet die österreichische Alpenwelt, die Stifter mit viel Liebe zum Detail und Sinn für die Schönheit und Dramatik der Natur schildert. Die erste der sechs Geschichten,
    Granit,
    beschreibt das Leben und die verschiedenen Typen der Dorfleute anhand eines Kindheitserlebnisses: ein fahrender Händler pinselt einem kleinen Jungen aus Schabernack Wagenschmiere auf die nackten Fußsohlen - und der Kleine betritt damit die frischgeputzten Dielen des Hauses, was Ärger gibt.
    Kalkstein
    beschreibt einen Landgeistlichen, der in äußerster Armut lebt, obwohl seine Einkünfte zu einem bescheiden-standesgemäßen Leben ausreichen. Er gilt als geizig, bis nach seinem Tod sein Testament eröffnet wird: Er fühlte sich durch seine Religion verpflichtet, alles Geld, daß er irgend erübrigen kann, zugunsten eines Schulhauses für die Dorfkinder anzulegen. - Daß Stifter diesen komischen Heiligen ohne Kitsch, aber mit liebenswürdigem Humor und tiefem Ernst beschreibt, zeigt seine Fähigkeit als Autor.

    Turmalin
    ist die Geschichte eines Mädchens, daß seinen alleinerziehenden Vater durch einen Unfall verliert - und gleichzeitig die Geschichte der Familie, die es aufnimmt.
    Die bekannteste Novelle des Zyklus ist

    Bergkristall,

    die (jüngst von Vilsmaier leider nicht ohne Kitsch verfilmte) dramatische Geschichte von zwei Kindern, die sich zu Weihnachten in den Bergen verirren. Hier werden mit großer Sensibilität Verhalten und Gefühlswelt der beiden Kinder beschrieben, die noch zu klein sind, die Gefahr wirklich zu begreifen, in der sie sich befinden.

    Katzensilber

    beschreibt die Freundschaft zwischen zwei Geschwisterkindern und einem fremden Mädchen, über dessen Herkunft niemand etwas Genaues herausbringen kann. Die Fremde verändert die in Vorurteilen befangenen Erwachsenen gerade durch ihr Anderssein. Wirklich angenommen wird sie aber erst nach einem höchst dramatischen Vorfall. Eine schöne und spannende Geschichte über Freundschaft und Toleranz.

    Bergmilch

    spielt im deutsch-französischen Krieg - ein Offizier besetzt einen kleinen Adelssitz, und die Ereignisse führen Jahre später zu seiner Heirat mit der Tochter des Schloßherren. Der Zyklus schließt mit der Überzeugung, daß Liebe stärker ist als Krieg.

    [ Editiert von Administrator Gem-ini am 04.07.06 13:36 ]

  • Mit liebevoller Sentimentalität, skurrilem Humor und der Gabe zu bildhaftem Schildern beschreibt Rosegger
    die ärmlichen Bauern der Steiermark. Seine Autobiographie

    Als ich noch der Waldbauernbub war

    beschreibt eine Kindheit, die bei aller Armut glücklich war. Auch wenn der wohlhabende Erfolgsautor Rosegger das Leben des armen Bauernjungen Rosegger sicher rückblickend verklärt, nimmt man ihm ab, daß er in hinreißend schöner Umgebung und in einem sehr liebevollen Elternhaus aufwuchs. Lesenswert auch, weil hier eine seltsame Mischung aus neuzeitlichem und urtümlichem Leben gezeigt wird, die so lange noch nicht her ist.

  • Und auf meinem Türgerüste, auf der bleichen Pallasbüste,
    Unverdrossen, ohn' Ermatten, sitzt mein dunkler Gast noch immer.
    Sein Dämonenauge funkelt und sein Schattenriß verdunkelt
    Das Gemach, schwillt immer mächt'ger und wird immer grabesnächt'ger –
    Und aus diesen schweren Schatten hebt sich meine Seele nimmer,
    Nimmer, nimmer, nimmer, nimmer –.


    Düster sind Poes Geschichten und Gedichte, und ihre Quintessenz ist sehr oft, daß wir einem düsteren Verhängnis ausgeliefert sind. Selbst in seinen Kriminalgeschichten (Der Doppelmord in der Rue Morgue; Du hast's getan) ist die Aufklärung am Ende kaum weniger gruselig als die Tat selbst. Der Goldkäfer und Die Augengläser sind freundlichere Geschichten, die mit skurrilem Humor über menschliche Eitelkeiten herziehen - aber das düstere Moment haben sie alle. Kein Wunder bei einem Menschen, dessen Leben von Alkohol und Drogen geprägt war und der nach nur neunjähriger Ehe als Witwer wohl den letzten Halt verlor.
    Die Gänsehaut ist garantiert bei Poes Geschichten, die teils mit Übersinnlichem zu tun haben, teils eine völlig rationale Auflösung haben, die aber regelmäßig als Überraschung daherkommt - es sah so sehr nach Geistern aus!
    Dabei ist Poes Sprache immer meisterhaft, immer originell. Mit seinen eindrucksvollen Beschreibungen holt er uns geradewegs in seine Schreckenskammern hinein - ob diese nun in einer überreizten Phantasie oder einem tatsächlichen Ort von Verbrechen oder Spuk bestehen.

  • Onkel Toms Hütte, den ersten Roman von Beecher-Stowe, kennt jeder - aber sie hat danach keinesfalls aufgehört zu schreiben. Dred beschreibt den Kampf eines Sklaven, der in den Sümpfen Aufständische um sich sammelt. Der charismatische Dred wird heimlich von vielen Sklaven und auch von einigen Weißen unterstützt. Aber trotz aller Sympathie und Hilfe ist sein Widerstand zum Scheitern verurteilt. Ein versöhnliches Ende gibt es doch; mit knapper Not schaffen es andere Sklaven, die sich Dred angschlossen hatten, nach New York zu fliehen, wo sie sich gemeinsam mit weißen Abolitionisten (Gegnern der Sklaverei) eine Existenz aufbauen. Ein erschütterndes Buch, das die pseudoreligiösen Begründungen und juristischen Verteidigungen ebenso wie die wirtschaftlichen Auswirkungen der Sklaverei genau beschreibt.
    Anders als in Onkel Toms Hütte ist die Titelfigur Dred keineswegs ein ständiger Gutmensch. Er hat etwas durchaus Beängstigendes, ist voll wilder Poesie, ungezähmt bis zu seinem sehr traurigen Ende.
    Harriet Beecher-Stowe hat in ihrer leidlich sicheren Position einer Lehrerin, bürgerlichen Ehefrau und Mutter ein tiefes Mitgefühl bewahrt für Unterdrückte. An ihren jüngsten Sohn schrieb Jahre nach der Erstveröffentlichung von Onkel Toms Hütte: »Mir brach fast das Herz vor Jammer über die Grausamkeit und das Unrecht, welche von unserem Volk an den Sklaven begangen wurden... Manche Nacht, während Du an meiner Seite schliefst, vergoß ich heiße Tränen, wenn ich an die armen Sklavenmütter dachte, denen ihre Kleinen entrissen wurden.«
    Die in Dred geschilderten Bestialitäten gegenüber Sklaven und Abolitionisten sind, wie sie in erläuternden Absätzen schreibt, so oder ähnlich immer wieder wirklich geschehen. Sie zitiert auch aus Gerichtsakten, in denen dargelegt wird, warum Schwarze keine Rechte haben konnten - sie waren nach geltendem Recht nicht als Personen, sondern als Sachen anzusehen.
    Beecher-Stowe ist ein Beweis dafür, daß Literatur etwas ausrichten kann. Daß die Sklaverei endlich abgeschafft wurde - wenn es auch einen Bürgerkrieg und unzählige Tote kostete -, ist zum guten Teil darauf zurückzuführen, daß sie den Mut hatte, zu schreiben.
    Getragen wurde sie durch ihren starken Glauben an einen liebevollen und gerechten Gott aller Menschen - und durch eine Familie, die sich geschlossen gegen die Sklaverei stellte, nicht nur theoretisch, sondern auch durch Verstecken einer geflohenen Sklavin. Das war eine Straftat, die mit Tod durch den Strang oder mehrjährige Haft geahndet werden konnte; es gehörte also nicht weniger Mut dazu als in deutscher Vergangenheit zum Verstecken von Juden.

  • Schuldig werden und Sühne leisten sind nicht nur im 19. Jh. existenzielle Erfahrungen. Fjodor Michailowitsch Dostojewski(1821-1881) ist auch nicht der einzige, der darüber eindringlich geschrieben hat. Sein berühmtes Werk (Titel in einer neueren Übersetzung: Verbrechen und Strafe)zeigt sehr eindringlich, wie ansteckend Bosheit ist. Denn Raskolnikow wäre wohl kaum zum Mörder geworden, wenn seine Zimmerwirtin nicht so hartherzig gewesen wäre. Und selbst sein Verbrechen ist nicht imstande, sein soziales Gewissen zu vernichten. Zwar gleitet Dostojewski im Verlauf des Romans meiner Meinung nach in eine fatale Sozialromantik ab - z.B. scheint mir die Frau, die ihm in die Verbannung folgt, nicht allzu glaubwürdig (sie ist einfach zu gut), und auch Raskolnikow wird mir allzu "glatt poliert". Dostojewski gleitet hier nach dem psychologisch glaubwürdigen Anfang in einen unglaubwürdigen Kitsch ab. Trotzdem bleibt die Botschaft des Buches bestehen, daß keine Untat zu schrecklich ist, um gesühnt - und verziehen - zu werden.

  • Jurist, Komponist, Zeichner, Literat - das sind die Berufe, die der Schöpfer von Nußknacker und Mausekönig, Meister Floh und den Serapionsbrüdern ausübte. Dichterische Meisterwerke sind seine Märchen und Erzählungen, gruselig und komisch, düster und farbig und in Sprache und Aufbau immer wieder überraschend. Die Serapionsbrüder vereint eine Reihe zu verschiedenen Zeiten entstandene Erzählungen und Märchen in einer für die Romantik typischen Rahmenhandlung von Freunden, die einander Geschichten erzählen.
    Hoffmann war als Kind der Romatik fasziniert von allem, was mit dämonischen Mächten zu tun hat. Dabei interpretiert er sie häufig als psychologische Phänomene - im Fall von Nußknacker und Mausekönig läßt er den Leser im Ungewissen darüber, ob die Dämonen tatsächlich da waren oder der Fiebertraum eines kleinen Mädchens sind.
    In Datura Fastuosa vereint Hoffmann unheimliche, möglicherweise übersinnliche Fähigkeiten mit den Elementen eines Krimis und der Entwicklung eines naiven, eigenbrötlerischen, unselbständigen jungen Botanikers zu einem selbstbewußten Mann, der seinen Elfenbeinturm - aber nicht die Liebe zur Wissenschaft - verläßt.
    In Hoffmanns letztem Werk, dem Meister Floh wechselt Satire mit Märchen; die Genres überschneiden sich, fließen ineinander. Leider waren die Behörden nicht zu töricht, Hoffmanns Schärfe zu begreifen; das Buch wurde verboten. Hoffmann war damals schon schwerkrank; durch das Verbot flammte die Krankheit auf, und man kann sagen, er starb aus Kummer wegen der Zensur.

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